Zwei Jahre Fearless Democracy e.V. Zwei Jahre Arbeit gegen digitalen Massenhass.

2018 ist das zweite Jahr unseres Bestehens als kleiner, gemeinnütziger Verein. „Klein“ hieß bei uns immer: Wir sind ein virtueller Verein, der sich nicht über Mitgliederzahl definiert sondern über Projekte. Physisch sind wir überall und nirgends. Zwar mit einem Büro in Hamburg und Präsenz in Berlin. Grundsätzlich sind wir aber überall da, wo wir Wifi und einen Rechner haben.

Fearless Democracy e.V. ist 2017 in Folge meines Shitstorms rund um die Aktion #KeinGeldFürRechts entstanden. „Information ist schnell. Wahrheit braucht Zeit“, sagte der Netzphilosoph Peter Glaser. Und eben aus dieser Einsicht glauben wir auch, dass die Offene Gesellschaft dringend ein Verständnis für die komplexen Gefahren entwickeln muss, die ihnen Extremisten und Populisten heute entgegen schleudern.

Das Potpourri der Möglichkeiten ist förmlich unendlich und zunehmend ekelerregend: Von klassischer digitaler Desinformation über Hasskampagnen, von semantischer Agendasetzung und Content-Kampagnen gegen Institutionen ist mittlerweile einiges im Angebot, was die Zivilgesellschaft ins Stolpern bringen soll und das auch tut. Als zivilgesellschaftlicher Akteur mit Menschen mit stark digitalem und kommunikativem Background verstehen wir uns als Ansprechpartner, um mit der Zivilgesellschaft Lösungen zu entwickeln.

Digitaler Hass 2018 – ein Jahres-Rückblick

Wenn man das Jahr 2018 in Sachen Hass und Manipulation im deutschen Netz Revue passieren lassen will, dann erkennt man vor allem viel Dynamik. Und Dynamik heißt dabei: Bestimmte digitale Propaganda-Tools entschärfen sich langsam und kommen seltener zum Einsatz. Andere Tools finden vermehrten Einsatz, Rollen und Akteure verändern sich. Auch wenn es immer einen „Layer“ an besonders stupiden Manipulationsversuchen zu geben scheint: Mit der Konsolidierung sozialer Netze v.a. als rechtspopulistische und rechtsextremistische Propagandawelt, scheint auch die Zeit gekommen an größeren Rädern zu drehen. Der Kulturkampf soll nicht nur Kommentarspalten verändern. Er soll den großen Diskurs verändern und den Spill-Over in die klassischen Medien schaffen. Das gelingt zunehmend durch die digitale Dauerreizüberflutung von ganz Rechts. So sehr man die Stöckchen auch vermeiden will: Brot und Spiele funktionieren im Social Web besser denn je.

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Großangelegtes Framing und Reframing konnte man im Fahrwasser aller populistischen Aufreger des Jahres beobachten. Gleich, ob wir dabei über Chemnitz, die Denunziations-Kampagne gegen Lehrer oder die rechtsextremen Gamer-Kids von Reconquista Germanica reden: Die rechte Blase nutzt die digitale Welt aktiv, souverän und in Echtzeit. Der Behäbigkeit etablierter gesellschaftlicher Institutionen bleibt dabei oft nur noch die Defensive. Zumindest beobachten wir allerdings auch eine zunehmende Resilienz gegenüber digitalen Manipulationsversuchen. Ein besonders unappetitliches Beispiel war dabei die Kampagne aus dem AfD-Umfeld gegen Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Der digitale Hass war hier so unerträglich, dass sich selbst Wolfgang Schäuble zu mahnenden Worten genötigt sah.

Ansprache des Bundestagspräsidenten im Falle der Hasskampagne gegen Claudia Roth

Neben dem fast schon alltäglich gewordenenen Shitstorm gegen Repräsentanten der Offenen Gesellschaft, stand sicher dieses Jahr das Zeichen auf Veränderung des großen Diskurses. Und das funktioniert aus Sicht der rechtspopulistischen Bubble zunehmend besser. Künstlich provozierte und mit Halbwahrheiten oder offenkundigen Lügen gespickte Kampagnen sind mittlerweile an der Tagesordnung. Die „Lüge von der Schnüffel Fibel“ gegen die Amadeo Antonio Stiftung war hierfür ein ebenso eindrucksvolles Beispiel wie das Framing von Flüchtlingsrettern auf dem Mittelmeer als „Schlepper“.

Besonders umfassend mobilisierte die rechte Bubble gegen ein Abkommen, das bis Oktober 2018 kaum ein Deutscher kannte oder etwas dagegen hatte: den UN-Migrationspakt. Eine schnelle Social Media Kampagne änderte das und ließ jeden Beteiligten in Windeseile zum UN Migrationspakt-Experten werden. Systematisch, schnell, effektiv: die neuen Kampagnen hetzten nicht nur einfach gegen Ausländer. Tatsächlich geht es ums große Ganze. Und im Sturm auf die öffentliche Meinung werden Content-Schockangriffe immer effektiver.

Kommunikation ist heute immer politisch.

Im Kampf um die öffentliche Meinung standen zunehmend auch wieder werbetreibende Unternehmen und die, die sie repräsentieren, unter Feuer. So hat sich die Social Media Öffentlichkeit an rassistische Hetze wie gegen den Studenten Philip Awounou, der Anfang des Jahres für ein Werbefoto modelte, rassischstische Unverschämtheiten wie die AfD-Anfrage an die Rügenwalder Mühle, stupide Semantik-Hysterie wie bei Milka oder den „Katjes Shitstorm“ im Februar leider längst gewöhnt.

Und wenn eine Agentur der Szene kommunikativ ganz krumm kommt, dann liegt auch schon mal ein Schweinekopf vor der Tür. So geschehen bei der Münchner Agentur David + Martin, die für den bayerischen Landtagswahlkampf der GRÜNEN zuständig war. Als Kommunikationsdienstleister ist man durchaus heute im Auge des Sturms.

Aber es geht um mehr: Unternehmen sind Teil eines Kulturkampfs geworden, der ihnen zunehmend aufgezwungen wird, gleich wer sie sind. Den Konflikt können sie aktiv führen, wie es Nike 2018 versucht hat. Oder sie werden geführt. Es ist ihre Entscheidung. Erwiesen hat sich 2018 einmal mehr, dass die Unternehmen besser fahren, deren Marketingentscheider-Teams sich für etwas entscheiden, von dem sie meist seit Jahren profitieren: Eine offene Gesellschaft, die natürlich über Grenzen hinweg lebt, agiert und arbeitet.

Unsere Arbeit 2018

Als junger Verein haben wir im Jahr 1 unserer Gründung – 2017 – sehr viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Ein wesentlicher Punkt unserer Arbeit ist es, Verständnis für die Herausforderung digitale Manipulation und digitaler Massenhass in den Zirkeln zu schaffen, die dies nicht unbedingt auf dem Radar bisher hatten: Politik, Wirtschaft und Journalismus.

2018 ging es damit grundsätzlich weiter, wenn auch mit neuem Fokus. Schwerpunkt unserer Arbeit dieses Jahr war die inhaltliche Konsolidierung unseres kleinen Vereins und die Arbeit an einem wesentlichen Themenfeld: HateAid. Einiges an Öffentlichkeitsarbeit machten wir aber immer noch. So zum Beispiel mit dem Werkstattbrief Nr. 10, mit einem Portrait über mich, mit dem die Freunde der Profilwerkstatt Darmstadt sogar einen BCM Award in Gold gewannen.

Besonders beliebt machen wir uns auch nicht immer. So mit Hass-Datenanalysen rund um einen ARD-Film im Januar und eine besonders intensiv geführte Auseinandersetzung mit der Redaktion der EMMA im Nachgang einer Analyse, die wir mit Übermedien gemeinsam publiziert haben. Neben kontinuierlicher Content-Arbeit rund um digital optimierten Populismus auf unserer Plattform The Wave, vielen kleinen und großen Terminen in ganz Deutschland und diversen Konferenz- und TV-Auftritten, bereiteten wir uns in diesem Jahr vor allem auf ein Thema inhaltlich vor: HateAid.

HateAid heißt für uns eine immer noch kleine Beratungsplattform für Menschen, die im digitalen Massenhass unterzugehen drohen. Mit Unterstützung der Bosch Stiftung konnten wir unser Konzept rund um dieses wichtige Thema schon in eine erste Website gießen, die Angegriffenen erste Orientierung geben kann. Ab 2019 werden wir diese Plattform groß machen und wollen uns perspektivisch zur ersten großen Hilfseinrichtung für Angegriffene im digitalen Massenhass entwickeln. Eines ist versprochen: HateAid wird ab nächstem Jahr einen neuen Ansatz zu einem der drängenden Probleme unseres Landes formulieren. Da gibt es Anfang des Jahres spannende Neuigkeiten.

Wir brauchen Unterstützung für diese Aufgabe

Seien wir ehrlich. Sich in diesem Feld inhaltlich aufzustellen ist mühsam, gefährlich und in Sachen persönlichem Aufwand mehr als unkomfortabel. Wer sich einen winzigen Überblick unserer Fanpost anschauen will: hier ist er. Seien Sie uns nicht böse, wenn wir Ihnen das nicht ersparen. Aber so liest sich das dann, wenn man Post bekommt.

Gerade weil wir das erleben wissen wir, dass die Zivilgesellschaft heute mehr denn je Freunde, Wissen und Meinung braucht – vor allem in Sachen Digitalisierung. Wir sind nicht die Einzigen. Freunde wie #ichbinhier oder das No Hate Speech Movement sind neben anderen wichtige Akteure in diesem Bereich.

Im nächsten Jahr werden wir weiterhin daran arbeiten, dass unsere Offene Demokratie sich nicht durch digital produzierte Furcht einschüchtern lässt. Unser Ziel ist und bleibt die Fearless Democracy – die furchtlose Demokratie. Jeder Euro, den sie mit uns für diese Arbeit teilen wollen, hilft uns dabei. Wir suchen übrigens besonders institutionelle und individuelle Spender, die uns bei bestimmten, konkreten Projekten unter die Arme greifen. Wenn Sie diese Form der Unterstützung interessiert, kontaktieren Sie uns bitte.

Ansonsten wünschen wir Ihnen ein ruhiges und gesegnetes Jahresende 2018. Mögen Sie in dieser wilden Zeit die Ruhe finden, die wir alle mindestens einmal im Jahr brauchen. Frohe Weihnachten bis dahin.

Wir danken für Ihre Spende

Spendenzahlungen wickeln wir komplett abgesichert über unseren Partner betterplace.org ab. Das Formular finden sie nachfolgend. Wir sind gemeinnützig und stellen ihnen eine steuerlich absetzbare Spendenquittung Anfang nächsten Jahres aus.

Photo by Federico Respini on Unsplash

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