“4 von 5 Migranten bestehen Deutschtest nicht”: Wie aus einem Fehler eine neue Wahrheit wird

Journalistische Berichterstattung über Flüchtlinge, ihre Integrierbarkeit, Erfolge und Misserfolge ist ein inhaltliches Minenfeld für jede Redaktion. Es gibt einfach keine Möglichkeit, neutral oder positiv zu berichten, ohne massiven Widerspruch bis hin zu Hasskampagnen auf sich zu ziehen. Schon kleinste positive Integrationsnachrichten werden als Versuch der Umerziehung gewertet, während jeder Fehlschlag in Sachen Integration von der hysterischen rechten Blase im Netz begeistert aufgenommen und verteilt wird.

Das Problem: es braucht nicht mal bewusste Desinformation (aka “Fake-News”), um Wahrheiten in die Welt zu setzen. So reicht schon das durch Social Media vollkommen entkoppelte Zusammenspiel aus Quelle und Distribution, um eine Nachricht als unumstößliche Wahrheit in die Welt zu setzen. Wo früher ein Medium einen Fehler machte und im Zweifelsfall eine Gegendarstellung publizieren musste, ist das heute nicht mehr möglich. Aus einem redaktionellen Fehler wird dann eine “Alternativrealität”, wenn sie weiterverbreitet und nicht korrigiert wird. Unmöglich in Zeiten von Social Media. Denn wo Quelle und Medium nicht mehr identisch sind, kann sich der Urheber totgegendarstellen: Die Message ist in der Welt und nicht mehr rückholbar.

Genau das macht die Rolle von handwerklich gutem Journalismus in allen sensiblen Lebensbereichen ausserordentlich zentral. Nicht einfach in Zeiten, in denen Journalisten mehr unter Druck stehen denn je.

Am 7.1.2018 publizierte die Bild am Sonntag folgende Nachricht in ihrer Printausgabe und Online. Der Artikel selbst stand hinter einer Paywall, so dass das absolute Gros der Besucher nur diese Überschrift sah:

Wer einen Zugang zum Artikel hatte (die wenigsten User), musste weit nach unten scrollen, um ein ganz wesentliches Stück Informationszugewinn zu erhalten, das sehr wesentlich für das Verständnis der Headline gewesen wäre. Schließlich wissen wir mittlerweile, dass knapp 60% aller User Artikel nur nach Lesen der Headline teilen. Anders ausgedrückt: die Headline schafft Realitäten, nicht das Kleingedruckte hinter der Paywall.

Laut aktueller Bamf-Zahlen besuchten allein im ersten Halbjahr 2017 rund 43 000 Menschen einen speziellen Integrationskurs für Analphabeten (…).

Brisant: Trotz extra kleiner Lerngruppen und bis zu 1300 Unterrichtsstunden sprechen vier von fünf Flüchtlingen danach immer noch so schlecht Deutsch, dass sie nicht einmal einen Helfer-Job bekommen oder eine Ausbildung machen können. Das Sprachniveau B1 (…) erreichen in den Analphabeten-Kursen gerade mal 17 Prozent der Teilnehmer, wie das Bamf auf Anfrage bestätigt. (…)

Nicht besser sieht es bei den normalen Integrationskursen aus, also ohne Analphabeten. Insgesamt schafft bloß jeder zweite Teilnehmer den B1-Test.

Also:

Nicht vier von fünf Flüchtlingen schaffen den verhältnismäßig einfachen Deutschtest nicht. Vier von fünf Flüchtlingen, die Analphabeten sind, schaffen es nicht, ein bestimmtes Niveau (B1) in diesem Deutschtest zu erreichen. Die unglaubliche Erkenntnis: Analphabeten haben Schwierigkeiten bei Schultests. Den fast gleich lautenden Originaltext der Bild am Sonntag findet man hier bei Bildblog, wo die Zahlen des “BAMF” nochmal genauer angeguckt wurden:

Tatsächlich haben laut „BAMF“-Statistik (PDF) im ersten Halbjahr 2017 126.868 von insgesamt 165.997 erstmaligen Integrationskurs-Teilnehmern den „Deutsch-Test für Zuwanderer“ bestanden, allerdings mit unterschiedlichen Sprachniveaus (…). Rund 76 Prozent der Teilnehmer haben also einen Abschluss hinbekommen und nicht — wie in der „BamS“-Schlagzeile behauptet — nur 20 Prozent.

Nun kann man definitiv nicht sagen, wieviel Absicht oder nicht hinter einer solchen Schlagzeile steckt. Ein sehr aufgebrachter Alexander Lambsdorff nannte den Bericht eine “Lüge”, um dann von Bild-Chef Julian Reichelt mit folgendem Kommentar wieder eingefangen zu werden…

Auch wenn der Artikel bei Bild später umgetitelt wurde, entstehen aus in dieser Weise “schlecht formulierten” Headlines heutzutage mehrere – beabsichtigte oder unbeabsichtigte – kontrafaktische Realitäten. So hatte z.B. die FAZ ihre erste Schlagzeile zum Thema offensichtlich direkt abgeschrieben…

Ebenso wie es in Google indiziert ist:

Mittlerweile hat die FAZ wenigstens die Headline geändert:

Der Fließtext wurde hingegen anscheinend gleich gelassen oder zumindest in der Grundaussage ähnlich gehalten. Nach Lektüre des ersten Absatzes liest man wieder, dass es um alle Flüchtlinge geht und nicht etwa um den Anteil an Analphabeten unter den Flüchtlingen, was in der Tat ein großer Unterschied ist:

Ironischerweise relativiert die FAZ diese Aussage weiter unten im Artikel mit dem Satz “Jobcenter und Arbeitsagenturen seien besorgt über eine wachsende Zahl von Analphabeten unter den Flüchtlingen.” Doch alleine die Priorisierung und die Abfolge von Informationen schafft Realitäten. Was groß geschrieben wird und oben steht, wird verstanden. Der Rest nicht. Und ja, da sollte deutlich mehr Sorgfalt gelten in Zeiten, in denen sich Gesellschaften auf Basis von gefühlten Wahrheiten spalten.

Das ist natürlich bei weitem nicht alles. Neben dutzenden großer Medien, die den “4-von-5-Fehler” einfach abschrieben, prominent kommunizierten oder in einer interessanten Fakten-Distribution zwischen Headline und Fließtext fast unsichtbar machten, gibt es natürlich eine große Gruppe von Social Media Usern, die die Originalheadline begierig weitergibt. Natürlich ohne dass es dafür je eine Gegendarstellung geben wird. Mittlerweile quillt das Netz über vor faktischen Falschbehauptungen, die bleiben. Wie viele Deutsche mittlerweile überzeugt sind, dass das absolute Gros der Flüchtlinge keinen Deutschkurs besteht, ist nicht bezifferbar. Aber es ist nur ein weiteres trauriges Beispiel, wie Tag für Tag viele kleine Gegenrealitäten geschaffen werden – selbst dann, wenn die Quelle einer Information pointieren wollte und damit Dinge verzerrte.

Das Resultat im Netz: Politisches Kapital für die, die mit solchen Themen besonders gerne arbeiten. Beim Berliner AfD-Mann Pazderski sind es mittlerweile sogar “vier von fünf Migranten”, die ihre Deutschtests nicht bestehen.

Je mehr wir uns über Themen wie Fake-News unterhalten, desto mehr müssen wir hinsehen, wie Desinformation genau funktioniert. Denn Desinformation wird Desinformation, wenn sie dazu geeignet ist. Sie wird angereichert. Und erst durch das Weitererzählen zu einer alternativen Realität, die sich festsetzt. So schafft eine unbedachte Headline die Voraussetzung dafür um aus journalistischer Nachlässigkeit ein rechtes Narrativ anzureichern, das weitererzählt wird.

Nur in seltenen Fällen wird Desinformation als solche geboren. So hilft gerade die Entkoppelung von Quelle und Distribution enorm dabei, eine Falschmeldung oder schlechten Journalismus zu “waffenfähigem Plutonium” zu machen. Denn selbst wenn es eine Möglichkeit dazu geben würde: the damage is done. Und so verschiebt ein Fehler die Wahrnehmung eines Problems sprichwörtlich immer weiter von ganz links nach ganz rechts. Was dagegen hilft, ist sauberer Journalismus – gerade bei einem so sensiblen Thema.

Eine gute Klassifikation und Diskussion dieses komplexen Themas gibt es hier, wo die unterschiedlichen Desinformationstypen klassifiziert und eingeordnet werden.

Mehr zur Evolution von Inhalten von Fehlern hin zu systematischer Desinformation auf First Draft News.

Übrigens: Fearless Democracy e.V. hilft Opfern digitaler Gewalt, legt Hetz- und Desinformationskampagnen gegen die Zivilgesellschaft offen und spricht mit der Mitte der Gesellschaft, wie sie sich gegen digitale Manipulation wappnen können. Wir brauchen für unsere Arbeit Spender wie Sie. Zum Beispiel für unser Herzensprojekt HateAid, das wir dieses Jahr stark ausbauen wollen. Wir sind übrigens steuerbegünstigt.

Bild: Photo by Helloquence on Unsplash

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