alt left. Ein neuer rechter Kampfbegriff ist geboren.

Unsere Realität ist sozial konstruiert und Worte sind entscheidend dabei. Anders ausgedrückt: Wer ein politisches Ziel hat, es in die richtige Geschichte kleiden und unters Volk bringen kann, hat eine gute Chance seinen Punkt zu machen.

Schon seit Beginn unserer Aktivitäten versuchen wir vor allem rechtspopulistisches und rechtsextremes „Storytelling“ zu decodieren. So haben wir zum Beispiel im Fall Kässmann auch über Daten versucht, den Verlauf einer Lügenkampagne nachzuzeichnen, um darzustellen wie Hetze orchestriert wird.

Das Schaffen von neuen Worten, um Dinge gleich zu machen, die nicht gleich sind, ist eine zentrale Taktik der Neuen Rechten. Wir denken an den Versuch der Identitären Bewegung, NGOs wie „Ärzte ohne Grenzen“ im Mittelmeer als Schlepper oder Schleuser zu framen, was mittlerweile zu erstaunlichen Ergebnissen auf Google führt (derzeit 142.000 Ergebnisse) und den Einzug in die große Presse findet.

Letzte Nacht hat Donald Trump wieder einmal seine Position zu den Nazi-Krawallen in Charlottesville „revidiert“. Nach einer ersten Pressekonferenz, in der er „vielen Seiten“ die Schuld an den Krawallen gegeben hat, schien der Wolf noch vorgestern Kreide gefressen zu haben. „Rassismus ist böse“, sagte er: „Und alle, die in seinem Namen Gewalt ausüben, sind Kriminelle und Verbrecher.“ Letzte Nacht dann die erneute Kehrtwende:

…es gab eine Gruppe auf der einen Seite, die schlecht war, und es gab eine Gruppe auf der anderen Seite, die auch sehr gewalttätig war. Und das will keiner sagen, aber ich sage es jetzt. Es gab eine Gruppe – es gab eine Gruppe auf der anderen Seite, die angegriffen hat, ohne eine Genehmigung, und die waren sehr, sehr gewalttätig.“ (SPON, das beeindruckende Transkript seiner Rede findet sich hier)

Es gibt viele Methoden, wie die Neue Rechte versucht, gleich zu machen, was nicht gleich ist. Eine der langfristig erfolgversprechendsten Tools ist das Schaffen neuer Wörter, die dann üblicherweise von der Presse übernommen werden, Google, Twitter-Accounts und den Sprachgebrauch fluten. Ein Mann wie Trump ist dafür perfekt geeignet. Wenn der Präsident mit mehr als 30 Millionen Followern auf twitter einen Neologismus auflegt und die Presse mitschreibt, kann man fast schon davon ausgehen, dass dieses Wort zum Allgemeingut wird.

Für eines dieser Worte interessieren wir uns hier besonders und werden dessen weitere Geschichte datenseitig mitschneiden. Es ist das Wort „alt left“, das Trump gestern benutzt hat. Es soll anscheinend als Gegenstück zum etablierten Begriff „alt right“ funktionieren, der als Sammelbezeichnung identitärer und neurechter Bewegungen vor allem in den USA benutzt wird. Die „alt right“ gibt es. Die „alt left“ gab es bis gestern nicht bzw. es wurde in der Breite kaum verwandt (vulgo: es fand keine Reichweite). Genau das könnte sich jetzt ändern.

Was er sagte war folgendes:

„Okay, was ist mit der ‚Alt Left‘, die angriff – Moment mal! – was ist mit der ‚Alt Left‘, die die ‚Alt Right‘, wie Sie sie nennen, angriff? Zeigen die so was wie Schuldgefühle? Lassen Sie mich Sie das fragen: Was ist mit der Tatsache, dass sie mit Schlagstöcken in der Hand angriffen, dass sie Schlagstöcken schwangen? Haben die ein Problem? Ich finde, das haben sie.“

Der SPIEGEL schreibt dazu: Die „Alt Left“ gibt es nicht. Es ist ein Kunstwort, das Trump erfunden hat und hier erstmals nutzt. Ein entsprechender, allererster Wikipedia-Eintrag stammt von Dienstagabend und nennt als einzige Quelle Trumps Pressekonferenz. Und: Die mit den Schlagstöcken waren in erster Linie die Rechtsextremen, die damit zum Teil absichtlich auf die Gegendemonstranten losgingen.

The Independent ergänzt:

Researchers who study extremist groups in the United States say there is no such thing as the “alt-left.” Mark Pitcavage, an analyst at the Anti-Defamation League, said the word was made up to create a false equivalence between the far-right and “anything vaguely left-seeming that they didn’t like.”

Was in solchen Momenten üblicherweise passiert, ist folgendes: Zwar wird es in der nächsten Zeit noch viele Artikel geben, die sich über Trumps empörende Gleichsetzung von Rechtsradikalen mit Gegendemonstranten aufregen. Wir werden aber alleine schon durch die schiere Reichweite der Person Trump das langsame Einsickern des nicht existierenden Begriffs „alt left“ in den Sprachgebrauch beobachten. In den nächsten Wochen werden wir diesen Prozess mal datenseitig mitschneiden, um nachzuvollziehen, wie in der Breite der Gesellschaft plötzlich gleich gemacht werden soll, was nicht gleich ist.

Um diesen Prozess schon in seinen Anfängen zu illustrieren, haben wir mal auf Google Trends die Suchanfragen nach „alt left“ abgefragt. Wie wir sehen, gibt es bis zu Trumps Rede weltweit keine Suchanfragen zu dem Thema. Dies ändert sich sprunghaft nach seiner Rede (Ausschnitt aus 24h, das Abflauen ist durch die Nacht in den USA zu erklären).

Über die letzten fünf Jahre verteilt finden wir den Begriff zwar verstreut ziemlich genau seit Trumps Amtsantritt als Kampfbegriff verteilt, aber bisher ohne große Reichweite. 100% aller Suchanfragen stammen aus den USA, wenn man Google glauben schenken darf. Auch mit einem Fünfjahresausschnitt sehen wir, dass die Pressekonferenz von gestern Nacht eine Ausnahmegröße darstellt.

Weltweit und auch auf Deutschland bezogen sehen wir schon jetzt die Entstehung eines neuen Begriffs, der zum großen Teil völlig normale bürgerliche Gegendemonstranten als Teil einer radikalen Minderheit framen soll. Die weltweiten Suchanfragen zu „alt right“ vs „alt left“ in den letzten 7 Tagen sehen so aus.

Rot ist „alt right“, blau ist „alt left“.

Nur auf Deutschland bezogen, zeigt Google in den letzten Tagen folgenden Wettbewerb zwischen dem alten Begriff und dem gerade neu konstruierten Gleichmach-Term an (Quelle).

811.000 Einträge hat der relativ neue Begriff „alt left“ schon auf Google hinterlassen, während „alt right“ mit 8 Mio Dokumenten klar „noch“ vorne liegt. Wir gehen aber davon aus, dass rechte Gruppen weltweit die Reichweite und die Chance, die sich durch Trumps bestens geölte Manipulationsmaschine bietet, nicht ungenutzt lassen. Wer die Sprache dominiert und Begriffe platziert, gewinnt den Kampf um Suchmaschinen, Tweets und pointierte Messages in 140 Zeichen.

Wir dokumentieren jetzt einfach mal mit, wie sich ein schrecklicher neuer Begriff breit macht. Wir hoffen nicht, dass wir recht haben, aber wir gehen davon aus, dass „alt left“ bald von Massenmedien als Wort übernommen wird. Übrigens: Wer glaubt, dass man solche Prozesse stoppt, indem man nicht selbst ein Suchtreffer wird, irrt. Das haben wir alle schon dutzendfach ausprobiert. Das Ergebnis sind politische Reden und Prozesse, die mittlerweile selbst mit der Terminologie der Identitären Bewegung gespickt sind. Wir sind uns sicher, dass der Umgang mit Sprache der eigentlich zentrale Ansatzpunkt der Neuen Rechten ist, um diese Gesellschaft medial immer weiter zu korrumpieren. Und am Beispiel „alt left“ testen wir das mal.

Stay tuned.

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Foto: airpix, Trump, Flickr, CC BY 2.0

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