Wie die Goerkes stehen blieben

Mit HateAid startet Fearless Democracy die deutschlandweit erste Plattform für die aktive Unterstützung und zur Vernetzung von Menschen, die digital politischen Massen-Hass erleben müssen. Dass Psychoterror gegen missliebige Individuen mittlerweile zum Standard-Werkzeugkasten speziell rechtsradikaler Kreise gehört, ist nicht neu. Die Rolle sozialer Medien in Kampagnen gegen missliebige Einzelpersonen hat allerdings spätestens seit 2016 eine neue Dimension erreicht. Einer, der davon extrem mit seinem ganzen Umfeld betroffen ist, ist der Fuldaer Andreas Goerke.

Goerke ist immer schon ein politisch denkender Mensch gewesen. Ein Gewerkschaftler, der 2015 den Verein “Fulda stellt sich quer” gegründet hat, mit dem er sich gegen Islamophobie und Antisemitismus stellte, und mit dem er den „Preis für Vielfalt und Toleranz“ der SPD gewann. Lesungen von Holocaust-Überlebenden veranstaltete „Fulda stellt sich quer“ ebenso wie Demonstrationen gegen die AfD. Damit machte sich Goerke Feinde.

Herr Goerke, können Sie mal beschreiben, was Sie und Ihre Familie mitmachen mussten?

Das Ganze schaukelte sich über Woche rund um den Jahreswechsel hoch. Mit Drohbriefen und Beleidigungen in den sozialen Netzwerken. Seitdem haben wir keine Ruhe mehr. Auf dem Höhepunkt haben wir in knapp 14 Tagen etwa einen Kubikmeter Post bekommen. Und es passierten Überraschungen zu jeder Tages- und Nachtzeit: Eines Tages stand die Feuerwehr vor dem Haus. Es hätte einen Anruf gegeben, dass es brennen würde. Telefonterror folgte. Wenig später kam 8mal an einem Abend der Pizzaservice vorbei. Mein Sohn hatte eine Morddrohung im Briefkasten und meiner Frau wurde verdorbenes Fleisch geschickt. Seitdem ich an die Presse gegangen bin, hat es sich “etwas” beruhigt. Die lokale AfD und ihr rechtes Umfeld denunzieren mich als angeblich Linksextremen, flankiert von den üblichen Beleidigungen im Social Web.

Trauriges „Daily Business“ bei Goerkes: Eine anonyme Morddrohung an den Sohn Lucas

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie zur Zeit? Was ist passiert, seit dem ersten großen Medien-Echo?

Mir und meiner Familie geht es zur Zeit ganz gut, wir widmen uns verstärkt der aktiven Arbeit gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Seit den Medienecho hat sich die Situation etwas verändert, die Angriffe gegen mich und meine Familie haben andere Formen angenommen. Nicht schön. Aber man gewöhnt sich an einiges.

Wie alleine steht man in so einer Situation?

Man steht leider komplett alleine da und man ist ziemlich überfordert. Man ändert irgendwann auch sein Leben: andere Wege zur Arbeit, andere Orte, an denen man normalerweise einkaufen würde. Man merkt sich Autokennzeichen und man achtet auf jede Kleinigkeit. Schlaflosigkeit und innere Unruhe zermürben einen ebenso wie die dauernde Angespanntheit. Das hat sich erst geändert, als wir in die Öffentlichkeit gegangen sind. Plötzlich haben meine Familie und ich wieder Solidarität gespürt, Mut, Kraft und Energie getankt. Meine Gewerkschaft, für die ich arbeite, und die Unterstützung von Mitstreitern aus unserem Verein “Fulda stellt sich quer”, waren ebenfalls sehr wichtig. Sowas lässt einen dann weitermachen.

Denken Sie, dass das aufhört?

Ich glaube, dass dieser Terror erst aufhören würden, wenn meine Familie und ich nicht mehr antifaschistische Arbeit leisten würden. Da wir uns gerade durch den Druck zum Weitermachen entschieden haben, glauben wir, dass wir noch lange mit damit leben müssen. Was wäre die Alternative? Unseren Verein auflösen und dem Mob die Straße, die Schulen und die Stadt überlassen? Das wird nicht passieren.

Wissen Sie, wer dahinter steckt?

Wir haben eine recht klare Idee davon, wer dahinter steckt. Ja.

Was denken Sie, bezwecken Ihre Gegner?

Die wollen mich zum Schweigen bringen. Und natürlich geht es auch darum, ein Exempel zu statuieren für andere.

Welche Erfahrung haben Sie mit staatlicher Hilfe gemacht?

Staatliche Hilfe existiert in so einem Fall nicht. Man steht alleine, was diese Form von Gruppenhetze halt auch sehr effektiv macht. Es ist wirklich anstrengend gegen diese Leute aufzustehen. Man riskiert einiges.

Für einen Privatmann mit Familie ist da auch eine große finanzielle Last, die man zusätzlich zur psychischen Bürde, auf sich nehmen muss. Es fängt an bei Sicherheitsvorkehrungen, die man sich anschaffen muss, und endet bei Anwaltsgebühren.

Eine Rechtsschutzversicherung oder Opferhilfe übernimmt hier selten die Kosten. Deshalb eine Forderung von mir, dass staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen sich dringend fit machen müssen in diesem Bereich: Beratung, Übernahme von Anwaltskosten usw. sind in einem Fall wie unserem nicht dem Einzelnen aufzubürden – speziell weil wir als zivilgesellschaftlicher Akteur selbst für eine offene Gesellschaft arbeiten. Mal abgesehen davon, dass es derzeit kaum eine Lösung für einen solchen Fall auf Basis der Strafverfolgung gibt. Das Ganze ist halt immer noch Neuland für Vater Staat.

Was würden Sie sich von unserer Gesellschaft für ihren Fall wünschen?

Ich wünschen mir von unserer Gesellschaft Mut:Mut zur Zivilcourage. Mut auch mal den Mund aufzumachen, ich wünsche mir das was Konstantin Wecker in seinem Lied “Sage NEIN”, deutlich macht:

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen

Wieder Nazi-Lieder johlen,

Über Juden Witze machen,

Über Menschenrechte lachen,

Wenn sie dann in lauten Tönen

Saufend ihrer Dummheit frönen,

Denn am Deutschen hinterm Tresen

Muss nun mal die Welt genesen,

Dann steh auf und misch dich ein:

Sage nein!

Hate Aid Logo

Andreas Görke ist nur einer von zu vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren, die durch systematische Droh- und Rufmord-Kampagnen zum Schweigen gebracht werden sollen. Folgen Sie Andreas Görke und seinem Verein auf Facebook oder im Web.  Übrigens: Für den Aufbau unserer Plattform HateAid suchen wir Menschen, die uns dabei unterstützen, diese Plattform groß zu machen. Bitte unterstützen Sie uns dabei.

 

Comment (2)

  1. Dunja Hayali und der kuratierte Hass | Übermedien

    […] ohne PR-Team und ohne professionelles Umfeld, die das auffangen können. Ich habe das erlebt. Der Fuldaer Gewerkschaftler Andreas Goerke mit der Bürgerinitiative „Fulda stellt sich quer&#8220…, den ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, hat das nach einer beispiellosen lokalen […]

    8. August 2017 at 17:04
  2. Wir suchen Unterstützer für unsere Herzensprojekte 2018 - FearlessDemocracy.org

    […] …Opfer digitaler Hetze identifiziert, kontaktiert und ihnen beigestanden […]

    23. September 2017 at 10:35

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