Biedermeier is over

Ein beliebtes Narrativ im gesellschaftlichen Wundenlecken, das nun dem Erdrutschsieg der AfD folgt, geht in etwa so: Mitschuld am Rechtsruck, so die Lesart vieler, tragen auch politisch engagierte Bürger aus der Mehrheitsgesellschaft, die am Sonntag demokratisch gewählt haben. Der Duktus: Die selbstgefällige AfD-Empörung per Facebook, die Millionen moralische Zeigefinger, die vielen Shares und Retweets hätten die Rechten in den letzten Wochen doch erst richtig stark gemacht – zusammen mit den Medien, vor allem den öffentlichen-rechtlichen!

Besser auf der Couch bleiben?

Es sei, sagt zum Beispiel Thomas Strerath von der Werbeagentur Jung von Matt “kontraproduktiv, sich auf Facebook oder sonstwo permanent über die AfD zu echauffieren oder, noch schlimmer, ihr mit gleichermaßen wütendem Protest und Demonstrationen auf der Straße zu begegnen.” Dazu muss man wissen, dass Strerath der Hauptverantwortliche für die gescheiterte Wahlkampagne der CDU/CSU ist. Und Strerath, ganz der Medienprofi, findet einen Spin, der verfängt. So entledigt er sich sehr geschickt der Verantwortung für die CDU-Wahlniederlage und seinen Agentur-Misserfolg – und schiebt die Schuld denen in die Schuhe, die sich gegen die AfD engagieren. Er erhält dafür einiges an Kopfnicken und Zustimmung in Form von Shares und Likes. Strerath kann zufrieden sein. Sein Spin läuft rund bei Facebook und Co.

In solchen und ähnlichen Äußerungen schwingen – mindestens unterschwellig – immer gewisse Aversionen gegenüber Gruppen aus der offenen Gesellschaft mit, speziell den eher linksliberalen und grünen Kohorten, die sich klar gegen die AfD und den Rechtspopulismus positionieren. Besonders schlimm wiegt dabei, dass derlei Deutungen, Geißelungen und Narrative rechtspopulistischen Agenda-Settern in die Hände spielen. Zu Recht warnen Populismus-Experten immer wieder vor der großen Gefahr, dass populistisches Gedankengut und rechte Frames sich peu à peu in den gesellschaftlichen Diskurs einschleichen und so Deutungshoheit erlangen können. Und leider ist es so, dass viele aus der gesellschaftlichen Mitte den Taktiken der Rechtspopulisten schon längst – spätestens seit Sarrazin – auf den Leim gehen: Beispiele sind der leise (und immer lautere) Groll auf die linksliberal-grünen, selbstgerechten Gutmenschen, deren Altruismus zum Egoismus oder gar Narzissmus umgedeutet wird. Oder das Übernehmen argumentativer Logiken wie “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen” bei völliger Ignoranz, was genau die grundgesetzliche Meinungsfreiheit und ihre juristische Logik für alle (!) Seiten bedeutet. Immer mehr Menschen zeigen fast grenzenlose Empathie für die Opferrolle, in der es sich die AfD – und ihre Wähler! – so gerne bequem machen. In Grenzen hingegen hält sich die Empathie für verfolgte Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Fast schon zum Smalltalk-Klassiker ist die Skepsis gegenüber den mit Geld vollgepumpten “Staatsmedien” geworden – und den Politikern, die ja eh alle gleich seien.

Aktiv bleiben gegen Rechtspopulismus

Fearless Democracy versteht sich als ein Verein aus der Zivilgesellschaft. Wir wünschen uns, dass möglichst viele Bürger weiter aktiv bleiben gegen Rechtspopulismus, wie z.B. diese tollen Initiativen. Lasst uns also bitte nicht einreden, dass ein Engagement gegen Rechts falsch oder gar kontraproduktiv sei. Natürlich tragen Leute, die am Sonntag demokratisch gewählt haben und sich klar gegen die AfD ausgesprochen haben, keinerlei Mitschuld an dem guten Abschneiden der AfD. Es sollte normal sein und es ist richtig, gegen Rechtspopulismus vorzugehen, egal ob auf der Straße, bei Facebook oder im Fußballverein.

Gerne wird auch von der vermeintlichen Privilegiertheit der AfD-Protestler als “Modernisierungsgewinner” gesprochen, die sich selbstgerecht gegen prekär lebende “Modernisierungsverlierer” erheben würden. Diese oft suggerierte Frontlinie zwischen “Den da oben” und “Den da unten” lässt sich so schlicht nicht ziehen: Eine Vielzahl an sozialwissenschaftlichen Studien belegt, dass die Mehrzahl der AfD-Anhänger eben nicht aus unteren Schichten, sondern aus der Mitte und oberen Mitte der Gesellschaft stammen. Das sind mitnichten Modernisierungsverlierer, sondern im Gegenteil sehr viele Wohlsituierte, die einfach eine beschissene politische Haltung haben und den neurechten, nationalistischen Kulturkampf der AfD ideell unterstützen. 68% der AfD-Anhänger beziehen ein mittleres oder deutlich überdurchschnittliches Einkommen. Damit verdienen viele AfD-Wähler wohl deutlich mehr als so manche “linksgrüne Gutmenschen” aus städtischen Räumen, die sich von Nebenjob zu Nebenjob hangeln.

Ein Flüchtling hat sich, so verbreitete sich das bei Twitter, dafür entschuldigt, dass wegen “uns Flüchtlingen” die AfD gewählt wurde. Sowas macht uns wütend. Eine offene Gesellschaft darf nicht zulassen, dass solche oder ähnliche Annahmen und Deutungen das neue Normal werden. Dafür aber müssen sich noch deutlich mehr Menschen aus ihren Biedermeier-Möbeln erheben und verstehen, dass Mutti Merkel es jetzt nicht mehr alleine richtet. Werdet politisch, zeigt Haltung – und schämt euch um Gottes Willen nicht dafür!

Und lasst uns doch mal offen und ehrlich sein: Viele AfD-Anhänger sind schlicht Überzeugungstäter. Die verdienen unsere Empathie nicht, sondern klare Kante und Haltung. Lasst uns streiten, lasst uns fetzen. Davon lebt eine gesunde Demokratie! Mit dieser Grundhaltung haben wir Fearless Democracy Anfang des Jahres gegründet. Wir müssen laut sein, auf die Straße gehen, widersprechen, Angegriffene schützen und Courage für die Zivilgesellschaft zeigen. Harmoniesucht, Selbstgeißelung, Konsens-Soße und mangelndes Selbstbewusstsein spielen der AfD in die Karten. Deshalb: Kopf hoch, Brust raus!  

Wer diesen Text scheiße findet, dem geben wir zum Schluss noch die folgende Lektüreempfehlung:

https://www.amazon.de/Biedermann-die-Brandstifter-Lehrst%C3%BCck-taschenbuch/dp/3518390457

Und: Natürlich freuen uns sehr darauf, mit euch über diesen Text zu streiten. Wirklich. 🙂

 

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