Lesetipp: Wie Breitbart Rechtsradikalismus zum Mainstream machte.

Der eine lange Artikel, den man heute lesen muss, ist Buzzfeeds „Here’s How Breitbart And Milo Smuggled Nazi and White Nationalist Ideas Into The Mainstream„.

Buzzfeed ist im Besitz von geleakten Emails, die im Kern die Genese der amerikanischen Neuen Rechten und deren Arbeitsteiligkeit, vor allem aber ihre Widersprüche gut verdeutlichen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei Breitbart.com, Trumps Ex-Berater Steve Bannon und der gefallene Alt Right Posterboy Milo Yiannopoulos sowie dessen „Stab“ an Internet-Trollen, „Meme-Teams“ und Ghostwritern.

Schon alleine die Begriffsbestimmung, mit wem man es im Falle der „Alt Right“ eigentlich zu tun hat, war bisher schwierig. Ist es überhaupt eine Gruppierung? Gibt es eine Ideologie? Sind das Nazis? Steckt Breitbart dahinter? Ist Breitbarts Popstar MILO Yiannopolous ein Rassist? Oder Bannon? Sind sie Antisemiten? Islamophob? Misogyn? Alles davon? Oder nur einige von ihnen? Nichts schien richtig  zu passen. Und nicht wenige Journalisten bekamen rechtliche Probleme, wenn sie MILO als Rassisten bezeichneten.

Was der Buzzfeed Artikel eindrucksvoll zeigt, ist, wie sehr Breitbart als inhaltliches Storytelling-Organ dient, um Menschenhasser verschiedenster Kategorien zur Zusammenarbeit zu bringen.

So fungiert Steve Bannon als Breitbart-Mastermind, der mit seiner These eines Kulturkampfs des Westens noch am ehesten der Idee eines Ideologen entspricht. MILO als sein mediengehypter Star, dessen Homosexualität und seine Partnerschaft mit einem Afro-Amerikaner sich eigentlich überhaupt nicht mit dem Rechtsextremismus der White Supremacists um Richard Spencer vertragen dürfte. Aber auch das scheint kein Problem zu sein, wenn MILO in einer Karaoke-Bar die Nationalhymne anstimmt und seine Freunde dabei den rechten Arm hochrecken, während parallel sein Chef-Redakteur Marlow über Breitbart sagt “we’re not a hate site.”  Und das, obwohl ihn Yiannopolous parallel anfragt, ob er den Neo-Nazi „Weev“ Auernheimer interviewen darf.

Passt alles nicht? Stimmt. Muss es auch nicht.

Der Artikel zeigt schön die Balance, die das Breitbart-Team halten muss, um die verschiedenen Strömungen aus islamophoben, misogynen, weltverschwörerischen und offen antisemtischen Interessen zusammenzuhalten und dennoch immer noch für den Mainstream halbwegs zu funktionieren: Chefredakteur Alex Marlow als Hüter der roten Linien, was gerade noch gesagt werden darf auf Breitbart („we have found his limits“), Thiel und die Milliardärsfamilie Mercer als Investoren und wichtige Links nach ganz oben. Spencer, Weev und Saucier als Drähte zur harten White Supremacy Welt. Und MILO selbst als Provocateur, der sich von einem Stab unterbezahlter und nichtrepräsentierter Ghostwriter die grundlegenden Texte schreiben lässt (sie aber natürlich nie mit Namen erscheinen lässt).

Dabei wird offensichtlich, dass der eitle, arrogante MILO gegenüber seinem Chef Steve Bannon zum unterwürfigen Kofferträger mutiert, der sich zunächst von ihm beschimpfen lassen muss, dann sein Ziel findet und mit Steve Bannons Einzug um Weißen Haus den Kontakt zu Bannon verliert. Nachdem MILO den Artikel „Birth Control Makes Women Unattractive & Crazy“ publiziert, kassiert er von Bannon eine Watsche, weil dieser ihm vorwirft, dass sich sein Alt Right Posterboy mit unwichtigen Stellvertreterkämpfen verzettelt.

(Bannon) “Dude—we r in a global existentialist war where our enemy EXISTS in social media and u r jerking yourself off w/ marginalia!!!! U should be OWNING this conversation because u r everything they hate!!! Drop your toys, pick up your tools and go help save western civilization.”

(MILO) “Message received,” Yiannopoulos wrote back. “I will do a Week of Islam next week.”

(Bannon) “U don’t need that,” Bannon responded. “Just get in the fight—ur Social Media and they have made it a powerful weapon of war. … There is no war correspondent in the west yet dude and u can own it and be remember for 3 generations–or sit around wasting your God-given talents jerking off to your fan base.”

Das verlorene Vertrauen muss MILO dann mit ein paar gesalbten Worten an seinen aufbrausenden Chef wieder aufbauen:

“I know how lucky I am,” Yiannopoulos wrote to Bannon on May 20. “I’m going to work hard to make you some money — and win the war! Thanks for having me this week and for the faith you’re placing in me chief. The left won’t know what hit them.”

“U just focus on being who u are– we will put a top level team around u,” Bannon wrote back. “#war.”

Der Artikel ist auch für Deutsche wichtig. Er ist eine Innenansicht aus einem Komplex, der sich eben nicht mehr nur in Rechtsextreme alten Schlages und den Rest der Gesellschaft, unterteilen lässt. Er zeigt ein – in diesem Fall Trumps Agenda unterstützende – Konglomerat an Widersprüchlichkeiten, die nur durch den Satz „der Feind meines Feindes ist mein Freund“, zusammengehalten werden. Was wir im Bundestagswahlkampf, speziell mit den Widersprüchlichkeiten vieler Mitglieder unserer Neuen Rechten gesehen haben, wird hier erklärbar. Und genau deshalb ist der Artikel in seiner Gänze unbedingt lesenswert. Er beweist, dass die Neue Rechte alte rechtsextreme Elemente enthält, aber im Kern ein Remix von scheinbar nicht zusammenpassenden alten Elementen zu einer neuen toxischen Mischung ist.

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