Rechte Bots im Bundestagswahlkampf: Vor 7 Tagen ging’s los.

Update: ein kleines Radio-Interview zu dem unten stehenden Text


Originaltext:

In den letzten Tagen ist im deutschen Wahlkampf online etwas passiert, das uns in dieser Größenordnung bisher nur zu besonderen Events wie dem TV-Duell aufgefallen war: rechte Bots schalten sich in den Wahlkampf ein.

Das nachfolgende Video haben wir Sonntag Abend gegen 22 Uhr mitgeschnitten. Es ist ein Videomitschnitt von meinem Tweetdeck-Account. Was ihr seht, sind die Twitterabfragen zu mehreren Hashtags in den Spalten. Tweetdeck fragt alle paar Sekunden ab und selbst bei hochfrequentierten deutschen Hashtags sind die Veränderungen oft überschaubar. Das ist hier anders. Die zwei Abfragen in der Mitte stellen die Tweets zu den zwei Hashtags #NichtMeinSpiegel und #ToxischeNarrative dar.

Manchmal ist es gerade für außenstehende ja nicht unbedingt einfach, die kodifizierte Echtzeit-Sprache von Social Media Accounts im politischen Umfeld zu verstehen. Der Hashtag #ToxischeNarrative scheint sich um eine neue Veröffentlichung der Amadeu Antonio Stiftung zu drehen, die sich – oh Ironie – genau um die Propaganda in der rechten Blase dreht. Das Kalkül der Bots: Indem man das Thema rund um den Hashtag sprichwörtlich auf links dreht, geht die Ur-Message verloren. #NichtmeinSpiegel dreht sich um einen Artikel des Spiegel, der – oh Ironie – den Angriff von Bot-Netzwerken im Wahlkampf anmahnte. Kurz: In zwei Fällen rebellieren rechte Bot-Netzwerke gegen Institutionen, die den Angriff von manipulierenden Bot-Netzwerken kritisieren, um sie möglichst mundtot zu machen und den Diskurs zu kontrollieren.

Was bedeutet das? Die Hashtags tragen erstmal fast nur rechte bis hin zu rassistischen Botschaften, was leider nicht besonders ungewöhnlich ist. Mehrere Dinge deuten aber auf Bot-Aktivität hin:

1.) Wenige Accounts, die fortwährend und wiederholt (teilweise 4-5 mal pro Minute) posten und dann simultan damit enden,

2.) Kaum Text, dafür massiver Einsatz von ganzen Batterien von Hashtags,

3.) Häufiger Einsatz von Memes,

4.) Hoher Venetzungsgrad der Accounts untereinander, Beitritt häufig im September 2017 mit sehr wenigen Followern ausserhalb dieser Blase.

Wohlgemerkt: auch rund um diese zwei Hashtags konnte man „normale“ rechte und linke User finden. Auch ist der Ursprung der geretweeteten Message meist menschlich. Wenn dieser Tweet aber wieder und wieder zitiert wird, ist es eigentlich gleich, ob auch mal ein Mensch beteiligt war oder nicht. Wer das Video oben sieht, erkennt schon die krasse Synchronität im Einsatz von grafischen Inhalten. Während die Aktivitäten der User auf beiden Hashtags fast den gesamten Sonntag Abend in der Intensität fortliefen, wie oben gezeigt, endete das Schauspiel kurz vor Mitternacht wie auf Knopfdruck. Auch Bots müssen wohl mal ins Bett gehen. Und dass sie sich auch noch feiern, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, ein bestimmtes Thema in die Twitter Trending Topics gebracht zu haben, ist wohl auch normal…

Die Diskussion um den Einsatz von Bots im Wahlkampf ist nicht neu und auch nicht durchgehend von einem hohen Kenntnisstand geprägt. So muss man generell zwischen Service- und Social-Bots unterscheiden. Also solchen, die zum Beispiel im Dialog Usern simple Fragen beantworten, um ein bestimmtes Angebot zu finden, und solchen, die versuchen Dialoge im Netz zu kapern und vollautomatisiert Inhalte im großen Stil rauszupressen. Wir erinnern uns: Alle Parteien (inklusive der AfD) sagten zu, dass sie letztere, im Trump-Wahlkampf absolut toxisch wirkenden Tools nicht einsetzen würden. „Die AfD beabsichtigt in keiner Form den Einsatz von Social Bots. Solche Tools wirken meinungsverzerrend, wir verzichten darauf“, teilte die AfD auf Anfrage der ARD-faktenfinder mit. Beide Bot-Typen sind nicht illegal.

Dass die AfD Bot-Aktivitäten beauftragt hat, wird hier nicht behauptet, kann auch nicht bewiesen werden. Dass dennoch im Umfeld der AfD Bot-Aktivitäten durch eigenständige Accounts stattfinden, ist offensichtlich. Hier einige der Hashtag-Batterien, die von den Twitter Accounts benutzt werden, die in dem Video oben zum Einsatz kommen.

Was wir besonders augenfällig fanden, war der extrem hohe Einsatz an oft rassistischen Memes, die wir schon aus dem US-Wahlkampf kennen. „Pepe The Frog“ scheint endlich offiziellen Einzug in den deutschen Wahlkampf gehalten haben. Das ist neu.

Was wir hier sehen, ist Software, die mit menschengemachten Memes bestück werden, um Diskurse zu kapern.

Das hat zwei Auswirkungen: Erstens versuchen Bots durch simples Übertönen und durch das Hijacken von Hashtags Themen trenden zu lassen, auf die dann echte Menschen einsteigen können. So macht man aus einem ausgedachten Thema einen politischen Straßenfeger. Es ist der seit Monaten absehbare Versuch, auch in Deutschland eine Logik zu inszenieren, die in den USA eine Wahl mitbeeinflusst hat. Dort war etwa ein Drittel des gesamten Gesprächsvolumens rund um Trump automatisiert, was etwa der fünffachen Quote von Hilary entsprach. Gleichzeitig schätzen einige Services, dass mehr als die Hälfte von Trumps Followern Bots sind: Software.

Eine zweite Auswirkung haben Bots aber für twitter selbst: Sie delegitimieren die Plattform. Je unsicherer es ist, dass mein Gegenüber nicht doch ein Stück Software ist, je mehr politische Agenden und Trending Topics eins werden, desto weniger Spaß und Sinn macht die Nutzung. Für twitter wäre es ein Leichtes, Bots zu identifizieren oder zumindest Nutzern die Möglichkeit geben, positiv identifizierte Bots zu melden. Aber nicht mal das ist derzeit möglich. Das Melden von politischen, meist rassistischen Bots ist im System nicht vorgesehen. Twitters derzeitiges Verhalten zeugt fast von Arbeitsverweigerung bei einem Thema, das Demokratien ebenso gefährdet wie ihr eigenes Nutzererlebnis. Dabei wäre das Thema leicht zu lösen. Aber um das zu verstehen, muss man sich vielleicht mal selbst mit der Materie beschäftigt haben statt nur darüber zu lesen…

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