Wie sowas läuft: die rechte Digital-Kampagne gegen Elmshorn.

Eigentlich müsste es schwierig sein, in Deutschland als Rechter derzeit Fuß zu fassen: Die Wirtschaft boomt die Entwicklung der Flüchtlingszahlen reicht auch nicht ansatzweise, um die identitäre These von Merkels Umvolkung zu unterlegen. Dann muss man sich seine Hysterie halt selber machen. Und wo geht das besser als im Netz. Letzte Woche traf es den Lichtermarkt Elmshorn im Internet mit einem altbekannten Muster, bei dem ein Problem in wenigen Stunden erfunden, online hochgekocht und verteilt wurde. Das Ziel: Elmshorn, eine mittelgroße Stadt mit einem Weihnachtsmarkt, die als Wut-Blitzableiter herhalten musste.

Elmshorn liegt nordwestlich von Hamburg. Eine Stadt mitten in Schleswig-Holstein, knapp 50.000 Einwohner, Michael Stich stammt aus Elmshorn, Teppich Kibek hat hier seinen Stammsitz, man hat einen Weihnachtsmarkt. Normales Deutschland eben. Weihnachtsmarkt? Nein, der Elmshorner Weihnachtsmarkt heißt seit mindestens 2007 „Lichtermarkt“. Ebenso wie der Weihnachtsmarkt in Wiesbaden schon lange „Sternschnuppenmarkt“ oder der in Neuwied „Knuspermarkt“ heißt. Die Gründe für diese Benamung liegen oft im Stadtmarketing der entsprechenden Städte. Mit einem Eigennamen ist man eben nicht nur der fünftausendste Weihnachtsmarkt in der Region.

Der Elmshorner Lichtermarkt bekam es jedenfalls letzte Woche mit der rechten Bubble und ihrem Umfeld im Netz zu tun. Einer der reichweitenstärkeren Accounts war, wie so oft, Erika Steinbach, die den Pseudo-Skandal als wichtiger Katalysator schön hysterisch vorantrieb.

In den darauffolgenden Tagen droschen tausende Accounts über diverse Social Networks auf die Stadt im Norden ein. Im Kern stand dabei immer die jährlich aktualisierte These vom „Krieg gegen Weihnachten“. Dass es vielleicht auch um den Namen des Lichtermarkts, aber noch eher um das schwarze Kind geht, zu dessen Abbildung sich dieses Jahr Elmshorn entschieden hatte, bleibt natürlich Spekulation.

Nun hat jede Stadt in Deutschland einen guten Grund für oder gegen die Benamung eines Marktes. Zur Perfidie dieses Typs Shitstorm gehört eben auch, dass sich der Mob – getrieben von rechten Influencern – immer ein möglichst unvorbereitetes Ziel sucht und eine Story darum baut. Städte sind dafür ideal geeignet. Man kann mit ihnen „das System“ vorführen. Städte haben zudem relativ langsame Entscheidungsstrukturen und sie sind es normalerweise nicht gewöhnt, politische Dispute in sozialen Medien zu führen.

Oft folgen diese Angriffe einem relativ stupiden Muster: Sich künstlich über Weihnachtsmärkte aufzuregen ist dabei fast schon ein Evergreen digitalen Populismus‘. So wurde Ende 2015 zum Beispiel der „Wintermarkt“ am Flughafen München mit Hass überzogen, als die reichweitenstarke rechte Propaganda Page „Anonymous.Kollektiv“ Sturm gegen diesen Markt machte. Das Management des Flughafens liefere den „Beweis dafür, wie Deutsche im eigenen Land diskriminiert werden“ (Quelle).

Genau dieser absurde Vorwurf wurde nun auch Elmshorn gemacht. Wohlwissend, dass die Kunde von der Stadt, die sich der Scharia beugt, durch gut vernetzte Accounts in Echtzeit deutlich weiter getragen wird als das wahrscheinlich nicht ganz so gut vernetzte Stadtmarketing reagieren kann. Es ist und bleibt ein ungleicher Kampf, den die rechte Bubble immer gewinnt und deshalb so oft nutzt.

Natürlich ist auch diese Form rechten Agenda-Settings nicht hierzulande erfunden worden. Der „War On Christmas“, ist in verschiedenen Formen schon seit Jahren fester Bestandteil der rechten Wut-Industrie in den USA. So darf sich gerade Starbucks in den USA mit einem Shitstorm herumschlagen, nachdem sie Weihnachten den Krieg erklärt hätten. Starbucks hatte eine LGBT-freundliche Tasse zu Weihnachten als Sonderedition herausgebracht. Ja, so etwas reicht heute schon, um einem Unternehmen zu unterstellen, dass es Weihnachten hasst. Es geht im Kern um die Frage, wie inklusiv unsere Kultur sein will.

Nachfolgend sehen wir die Auswertung der Vernetzung von Twitter-Accounts zu dem Shitstorm rund um Elmshorn letzte Woche. Erfasst wurden Accounts die die Begriffe „Lichtermarkt“ oder „Elmshorn“ genutzt haben. Wir sehen die Vernetzung von Accounts auf twitter, die zu beiden Themen tweeten. Je größer dabei eine Blase ist, desto mehr eingehende Verbindungen hat das Account – desto mehr Rolle spielt es in diesem Themenkomplex. Die Färbung der Wolken macht die Software, sie spielt keine Rolle. Die Netzwerk-Analyse hat Luca Hammer für uns erstellt.

Elmshorn Shitstorm

Was wir sehen ist das, was wir im Marketing „Kundenbindung“ nennen würden. Fast die Hälfte aller Accounts gehören in Deutschland (grün) oder international (pink, unten rechts) zum Umfeld der Rechtsblasen-Accounts, die in schöner Regelmäßigkeit einen nicht existierenden Untergang des Abendlandes herbei twittern.

Die Architektur dieses Pseudo-Shitstorms zeigt auch, dass die Empörung stecken geblieben ist, weil die bläuliche Wolke links („der Mainstream“) langsam umgeht mit solchen Dingen zu arbeiten. Zwar findet rechte Empörung unserer Ansicht nach immer noch zu viel Einzug in die Massenmedien. Dennoch unterscheiden Medien, wie stern.de, mittlerweile gemachte Kampagnen von echter Empörung. Massenmedien verschaffen der rechten Kampagne immer noch Publizität, sie kommentiert sie aber entsprechend. Wer genau hinschaut, kann links unten im blauen Bereich noch ein paar Bahn-Accounts entdecken. Es gab in diesen Tagen eine Bahnstörung in Elmshorn. Insgesamt sind fast 50% der Account dem Umfeld der rechten Blase national oder international zuzuordnen (grün und pink).

Interessant ist dabei vor allem die Arbeitsteiligkeit verschiedener Social Networks und verschiedener Akteure, die sich beim gemeinsamen Storytelling förmlich den Staffelstab weitergeben und den ersten Tweet soweit „anreichern“, das er toxisch und teilbar wird. Der „Nullpatient“, also der erste Tweet dazu fand offensichtlich am 13.11. auf twitter statt.

Für den Verfasser war das ein viraler Achtungserfolg auf twitter, an den er gleich am nächsten Tag anschließen wollte – mit einer pointierten Suche nach Weihnachtsmärkten, die auch nicht Weihnachtsmarkt heißen.

Der Tweet war allerdings schon an den nächsten Staffelläufer übergeben worden, ohne dass der Autor das wusste. Tweet 1 hatte den Einzug auf 4Chan gefunden und ging fröhlich viral. Bis zum jetzigen Zeitpunkt reden wir über 1.867 Tweets zu dem Thema, das vom 13.-15.11. damit etwa 100.000 Deutsche nur auf twitter erreicht haben dürfte. Rechnet man Facebook Shares, Pressekontakte, für und wider ein, werden in diesen wenigen Tagen weit über eine Million Deutsche den kleinen Elmshorner Weihnachtsmarkt zum Opfer eines weiteren widerlichen politischen Content-Hacks gemacht haben.

Wir nennen uns „Fearless Democracy“ eben auch weil solche Kampagnen Spuren hinterlassen. Es gibt absolut gar nichts wofür sich die Stadt Elmshorn und die Veranstalter des dortigen Lichtermarkts entschuldigen müssten vor dem Mob. Weder ist der Name ein „Einknicken vor der Scharia“, noch müsste man ihn so verstehen. Wo läuft die nächste Kampagne? Wiesbaden? Neuwied? Welche mittelgroße deutsche Stadt soll sich ab nächster Woche vor diesen Menschen rechtfertigen müssen, nur weil ihr Weihnachtsmarkt Sternschnuppenmarkt heißt?

Das sind Themen, mit denen das normale Deutschland 2017 unter Dauerdruck gesetzt wird. Jeder kann den Startpunkt für eine solche Kampagne bilden. Ein Tweet reicht, ein Event-Name, der ins Weltbild passt, und am Ende ein schwarzes Kind auf einem Plakat. Fertig ist die Kampagne. Und eine Stadt, deren Vorweihnachtszeit empfindlich gelitten haben dürfte.

Frohe Weihnachten trotzdem nach Elmshorn.

P.S.: Als junger Verein suchen wir nach wie vor Unterstützer für unsere Arbeit gegen digital verbreitete populistische Wut. Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, können Sie das direkt unterhalb dieses Textes über unseren sicheren Partner betterplace.org tun. 

Photo: Stars, Peter Samow CC BY 20

Leave Comment