Facebook vs Cambridge Analytica: Wie sich ein Social Network unglaubwürdig macht

Ende 2016 ging ein Artikel über eine obskur wirkenden Organisation durch die Decke, in dem erstmals der Name eines Unternehmens auftauchte, von dem wir noch viel hören sollten: Cambridge Analytica. Das Unternehmen behauptete, über große Bevölkerungsdatensätze zu verfügen und sie so strukturieren und inhaltlich anreichern zu können, dass man potenzielle US-Wähler damit noch genauer mit den richtigen Werbebotschaften versorgen können sollte als bisher. Werbebotschaften, die dem “inneren Dämonen” des Wählers gut zupass kommen. Wer dazu mehr lesen will: Voilà.

Was nun Fakt und was Fiktion ist, weiß man bei Cambridge Analytica immer nicht so genau. Zu durchgestylt, zu James-Bond-Villain-mäßig kommt Alexander Nix, der CA CEO rüber, wenn er auf der Bühne steht. Und auf der Bühne steht er oft, seit er sich zum Trump-Königsmacher erklärt hat. Nach eigener Angabe hatte Cambridge Analytica ganz wesentlichen Anteil daran, dass der US-Präsident heute Trump und nicht Clinton heißt. Dank der Analyse- und Targeting-Fähigkeiten des Unternehmens hätte Cambridge Analytica den Außenseiter zum Präsidenten gemacht. Wie viel davon wahr ist, weiß man nicht genau. Kritik gibt es durchaus genug. Und noch eines scheint Cambridge-Analytica mit der rechtspopulistischen Realität unserer Zeit gemein: Immer dann wenn es eng wird, relativiert man noch all das, was man gestern gesagt hat.

Wahr ist aber, dass Facebook vor wenigen Tagen Cambridge Analyticas Accounts abgeklemmt hat. Und hier wird es in der Tat interessant. Der Prozess scheint nämlich einen guten Blick in das Innenleben von Facebook im Kontext der Wahlbeeinflussungsvorwürfe zu ermöglichen. Eine Recherche der New York Times und des britischen Observers zeigt nun eindrücklich, dass Cambridge Analytica die Daten, die sich die Firma in unlauterer Weise angeeignet hatte, trotz Aufforderung von Facebook nicht gelöscht hat.

Danach lief das System Cambridge Analytica so: Eine mit Cambridge Analytica koopierende Organisation baute eine Mobile App, die Persönlichkeitstests mit Probanden durchführte: thisisyourdigitallife. thisisyourdigitallife entnahm nicht nur die Daten der 270.000 Probanden sondern auch die Daten der Freunde der Probanden. Da jeder Durchschnitts-Facebook-User mittlerweile über hunderte, wenn nicht tausende von Freunden verfügt, kann man sich vorstellen, wie schnell Cambridge Analytica so ihre Datenbank mit Userprofilen aufbaute. Wir reden über viele Millionen Facebook-Nutzerdaten. Diese Daten gab die Macher der App angeblich an das Team von Cambridge Analytica weiter.

Und da beginnt selbst für Facebook ein Problem – zumindest jetzt.

Documents seen by the Observer, and confirmed by a Facebook statement, show that by late 2015 the company had found out that information had been harvested on an unprecedented scale. However, at the time it failed to alert users and took only limited steps to recover and secure the private information of more than 50 million individuals. (Quelle)

Dokumente, die dem Observer vorliegen, zeigen, wie zahn- und lustlos der Tiger Facebook war, wenn es um den Schutz der Daten seiner Nutzer ging. Schon Ende 2015 erfuhr Facebook, dass große Mengen an User-Daten hier entgegen der Facebook-Nutzungsbestimmungen selbst weitergegeben wurden, ohne dass viel unternommen wurde. Einige wenige Briefe schrieb Facebook an die Herrschaften von Cambridge Analytica, ohne dass die großen Mengen an Userdaten gelöscht hätten. Erst auf Druck aktueller Untersuchungen scheint sich dies geändert zu haben: vor wenigen Tagen suspendierte Facebook die Konten von Cambridge Analytica. Bei Facebook scheint die Panik, die der Rest der Welt schon seit langem empfindet, erst jetzt auszubrechen.

Dieses ganze ignorante Trauerspiel wurde lakonisch vor wenigen Tagen von dem Ex-Cambridge-Analytica Mitarbeiter Christopher Wylie zusammengefasst. Der schrieb auf twitter, dass Facebook nach vollen zwei Jahren Kenntnis der Missstände erst jetzt auf Druck reagiert:

Christopher Wylie, Cambridge Analytica

 

Im Wilden Westen nichts Neues

Nach Veröffentlichung der Vorwürfe ging ein Aufschrei zumindest durch die demokratische Partei der USA. Die Senatorin von Minnesota, Amy Klobuchar kommentierte auf twitter, dass wieder einmal klar würde, dass “diese Plattformen” sich nicht selbst regulieren können und dass es eine staatliche Initiative braucht.

Noch drastischer formulierte es ihr Parteikollege Mark Warner, der die Lage in der Online-Werbebranche mit der Anarchie des Wilden Westens verglich. Es sei offensichtlich, dass “dieser Markt weiter anfällig für Betrug und durch mangelhafte Transparenz geprägt sein wird, wenn er unreguliert bleibt”.

Genau das ist auch unsere Einschätzung. Nicht Cambridge Analytica ist das Problem. Es liegt an den großen Tech-Giganten, die Herausforderungen für die offene Gesellschaft, die sie selbst aktiv oder durch Unterlassung mitverursacht haben, zu managen. Dass bei mächtigen, weltumspannenden Plattformen, die trotz intensiver Medienberichte Jahre benötigen, um auch nur ihre eigenen Regularien halbherzig durchzusetzen, irgendwann der Ruf nach gesetzlicher Regulierung kommt, ist nicht überraschend. Denn Facebook macht als Regulationsinstanz seiner eigenen Regeln nicht gerade eine gute Figur. Man müsste nicht nach Gesetzesinitiativen in Selbstmitleid versinken, wenn man vorher nicht bewiesen hat, dass es genau diese Gesetze braucht.

Es bleibt spannend.

Fearless Democracy e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der aus Profis aus der Digital- und Kommunikationsbranche besteht. Unsere Aufgabe ist es, im Verein mit Politik, Journalismus und Öffentlichkeit, digitale Themen verständlich zu machen, die zu einer Gefahr für die offene Demokratie werden können. Derzeit bauen wir Deutschlands erste Hilfs-Plattform für Menschen, die von digitaler Massengewalt angegriffen werden. Für all diese Projekte brauchen wir dringend Unterstützung. Jeder Cent hilft. Wir sind steuerbegünstigt.

Photo by Mikael Kristenson on Unsplash

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