Die simple Unlust zu teilen: Von Flucht und Integration in der Geschichte

Zwischen Schwarz und Weiß liegen ja bekanntlich immer noch ein paar Grautöne. Das gilt wahrscheinlich für kaum einen Bereich so stark wie für die Flüchtlingspolitik und alle politischen Folgen, die damit zusammenhingen.

Kaum zwei Jahre ist es her, dass eine knappe Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Inklusive aller Binnenflüchtlinge und Asylbewerber beherbergte Deutschland Ende 2016 1,26 Mio Flüchtlinge, was fast 2% aller Flüchtlinge weltweit sind. Das ist durchaus nicht wenig, speziell weil natürlich viele dieser Flüchtlinge eben nicht dem klassischen Bild des Kriegsflüchtlings entsprechen. Dennoch als Vergleich: die Türkei beherbergt bei fast gleicher Einwohnerzahl wie Deutschland fast die dreifache Menge an Flüchtlingen. Im Libanon kommt ein Flüchtling auf zwei Libanesen.

Natürlich gibt es bei einer so großen Anzahl an Menschen, die unser Land aus verschiedensten Gründen betreten, Probleme. Nicht bei allen. Nicht immer. Aber bei manchen. Soweit die eine Wahrheit.

Die andere Wahrheit ist aber auch, dass es immer schon zu Problemen mit Flüchtlingen kam, was nicht immer nur etwas mit fremdem Kulturkreis, dem Islam oder anderen Gründen zu tun hat: die grundsätzliche Angst vor den Fremden, die etwas bekommen, was man ja auch selbst bekommen könnte, ist so alt wie die Menschheit selbst. Dass diese Sichtweise derzeit auch medial wieder Konjunktur hat, ist auch nichts Neues, wie derzeit eine Studie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann wieder zeigt: „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt“, sagt der Journalismus-Professor. Ernüchterung und Alarmismus zögen sich „wie ein roter Faden durch die gesamte Berichterstattung“ (FR).

Kinder aus den unter polnischer Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten kommen in einer der westalliierten Besatzungszonen an. (August 1948, Bundesarchiv, Bild 183-2003-0703-500 / CC-BY-SA 3.0)

Denn wenn ausgerechnet Erika Steinbach in schöner Regelmäßigkeit Front gegen Flüchtlinge macht, wird umso ironischer als dass das Märchen von der Integration deutscher Flüchtlinge aus den damaligen Ostgebieten nach dem Krieg nichts anderes als ein Märchen ist.

Als am Ende und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee nach Ostpreussen, Schlesien und ins Sudetenland einmarschierte, folgte eine umfassende Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Die viel zitierte Flucht begann, bei der viele Deutsche ihr Leben ließen und viele Frauen vergewaltigt wurden.

Schon aus rein geografischen Gründen war die „Verteilung“ von Flüchtlingen aus dem Osten nicht wirklich fair geregelt: „Von den zwölf Millionen Vertriebenen, die bis 1950 noch registriert waren, befanden sich dabei 8,1 Millionen auf dem Territorium der Bundesrepublik und 4,1 Millionen – also nur knapp ein Drittel – in der DDR. Setzt man die Zahlen ins Verhältnis zur jeweiligen Gesamtbevölkerung ergibt sich ein anderes Bild. Demnach stellten die Vertriebenen 24,1 Prozent der DDR-Nachkriegsbevölkerung, während der Anteil im Westen nur 15,7 Prozent betrug.“ (Quelle)

Man könnte ja nun die Meinung haben, dass die Integration der Flüchtlinge bündiger und aus irgendwelchen kulturellen Gründen einfacher, wohlwollender und positiver von der hiesigen Bevölkerung vorangetrieben wurde. Dies war mitnichten so.

Für die Einheimischen waren die Neuankömmlinge im Nachkriegsdeutschland schlicht Nahrungskonkurrenten. Wie die siebenjährige Helga Bianca Kränicke. Als das Flüchtlingskind aus Pommern 1946 in der neuen Heimat Schleswig-Holstein einen Apfel vom Weg auflas, verdrosch der Eigentümer mit einer Harke ihren Großvater, dann nahm er dem Mädchen das angebissene Obst weg, wie Kränicke in dem Buch „Flüchtlingsland Schleswig-Holstein“ berichtete.

Als „Polacken“ oder „Zigeuner“ beschimpften Einheimische die Vertriebenen, auf die nun der von den Nationalsozialisten gegen die slawischen „Untermenschen“ im Osten geschürte Rassenhass zurückfiel. 1947 tönte der bayerische Bauernfunktionär Jakob Fischbacher: „Die Preußen, dieses Zeugs, und die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen. Am besten schickt man die Preußen gleich nach Sibirien.“ (SPON)

Fastnachtsumzug im badischen Lahr, Ende der 1940er Jahre. Verkleidete Männer tragen ein Plakat mit einer Parole gegen Flüchtlinge: „Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!!!“ © Stadtarchiv Offenburg

Wie groß das Leid der Leidgeprüftesten nach dem Krieg war, zeigt eindrücklich das Buch „Kalte Heimat“, in dem der Autor Kossert erstmals das Märchen von der glücklichen Integration deutscher Ostflüchtlinge in das Nachkriegsdeutschland erschüttert. So beklagten sich Südschleswiger bei dem britischen Besatzungsgeneral Montgomery, dass „der Strom von Fremden aus den Ostgebieten unseren angestammten nordischen Charakter auszulöschen“ droht. Soweit zur Integrationsbereitschaft der Deutschen selbst gegenüber Deutschen.

Dass systematische Hetze gegen Flüchtlinge nicht nur ein überzeitliches, rein deutsches Problem ist, bekamen nach dem Krieg ausgerechnet auch die „Hibakusha“ (jap. 被爆者, dt. Explosionsopfer) zu spüren – die Opfer der ersten zwei Atomwaffeneinsätze von Hiroshima und Nagasaki.

So beschreibt der verstorbene große japanische Manga-Artist Keiji Nakazawa seine Erinnerungen an Hiroshima, wo er fast seine ganze Famile verlor, in dem Manga-Klassiker Barefoot Gen. Zwei der vier Bücher  von Nakazawas Buch drehen sich nicht primär um das direkte Überleben der Feuerhölle von Hiroshima, sondern um das Überleben in einem kalten Nachkriegsjapan. Einem Land, in dem die meisten nicht viel hatten. Fast alle aber immer noch mehr als die Überlebenden von Hiroshima.

Mitgefühl wurde ihnen dennoch meist nicht zuteil, selbst wenn sie die Hölle überlebt haben. Selbst wer nicht floh, konnte nicht auf Demut oder Mitgefühl hoffen, wie die Überlebende Sadae Kasaoka beschrieb:

„Hibakushas“ werden im Nachkriegsjapan bedauert, aber nicht unbedingt gerne in Firmen eingestellt. „Wer die Bombe überlebt hat, der galt als besonders anfällig für Krankheiten. Es ist traurig, das sagen zu müssen, aber wir wurden regelrecht diskriminiert“, berichtet Frau Kasaoka. Die junge Frau muss Demütigungen erfahren: bei der Jobsuche, bei der Suche nach einem Bräutigam. „Für Männer war ich als Hibakusha als Ehefrau vollkommen inakzeptabel, wie ein menschlicher Makel.“

Es scheint eine traurige Erkenntnis zu sein, dass es nicht kulturelle oder religiöse Gründe zu sein scheinen, nicht etwa Angst um die angeblich eigene Kultur oder um ein größeres nationales Konzept, das es zu verfolgen gilt: Ausgrenzung gegenüber Flüchtenden war schon immer gegeben. Und sie war auch zu Zeiten und Kulturräumen präsent, in denen die „die hier länger leben“ nicht existierten, weil sie Landsleute aufnehmen mussten.

Es ging einfach schon immer fast nur um eines: die Unlust der Mehrheitsgesellschaft zu teilen.

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Titelbild: File:Raffaello Sorbi Flucht nach Ägypten, 1904, Wikimedia Commons.

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