Wie Friseur Klier den Hass zu spüren bekam

Zumindest so ähnlich scheint in Zeiten der sinkenden Umfragewerte das Nachtgebet eines manchen Populisten, AfD-Anhängers oder Funktionärs zu enden. Wir verstehen das ja sogar irgendwie: In Zeiten, in denen die Nachrichten sich eben nicht mehr trefflich jeden Tag zum Angstmachen vor den bösen Muslimen eignen, müssen Themen her. Egal woher. Selbst zum Preis, dass man den, nach eigenen Angaben, größten Systemfriseur Deutschlands, wegen einer böswillig interpretierten Doppeldeutigkeit in einen rassistischen Hasssturm zwängt.

Alles begann mit einem Personalengpass.

Im schönen Zwickau, der viertgrößten Stadt Sachsens, betreibt die im niedersächsischen Wolfsburg gelegene Frisör Klier GmbH drei Salons die, wie es sich für einen der größten Ausbildungsbetriebe der Branche gehört, auch Auszubildende beschäftigt sind.

Alles begann damit, dass ein Aushang einer dieser Fillialen seinen Weg in die sozialen Medien fand. Dessen Inhalt? Der Hinweis an die Kunden, dass aus personalbedingten Gründen über einen Zeitraum von 5 Tagen jeweils ab 16:00 Uhr keine weiblichen Kunden bedient werden könnten.

Nun kann man über die textliche Qualität des Aushangs trefflich streiten. Insbesondere die unglückliche Formulierung, dass in diesem Zeitraum ein syrischer Herrenfriseur im Salon sei, der ausschließlich Herren bediene, lässt auf den ersten Blick reichlich Interpretationsraum zu. Speziell dann, wenn man versucht, jede Doppeldeutigkeit zum Herstellen einer Alternativrealität zu nutzen, die mit viel Wut und Hass gefüllt werden kann.

Islamisierung statt Personalengpass.

Denn aus dem personalbedingten Grund wurde schnell eine Diskriminierung von Frauen und später ein religiöser, wenn nicht sogar ethischer Grund konstruiert, der von einschlägigen Multiplikatoren in den sozialen Medien schnell aufgegriffen wurde.

Situationen, wie die hier beobachtete, sind Massenphänomene, die nichts mehr mit einem inhaltlichen Diskurs zu tun haben. Sie basieren – in diesem Fall – auf islamophoben Stereotypen, die konsistent in jede denkbare Situation hineingedacht werden. Alles, was dann folgt, sind Netzwerkeffekte, Hörensagen, Gerüchteküche – und das zum Preis vieler verletzter Menschen, eines Friseurteams, das nicht mehr versteht was los ist – und, zu guter Letzt, auch einem syrischen Friseur, der unfreiwillig im Mittelpunkt eines irrsinnigen Wutsturms ist. Nennen Sie uns verrückt: Wir unterstellen dem Herren aus Syrien einfach mal, dass er ein Mensch mit Herz und Gefühlen ist, der sich mit einem Job in Zwickau hier ein Stück Normalität in einem wahrscheinlich nicht sehr einfachen Leben schaffen wollte.

Die Volksbewegung NordThüringen witterte, begleitet von einer Vielzahl von Ausrufezeichen, „eine bodenlose Frechheit“. Sie empfiehlt der Firma Klier, welche im Jahre 1948 im sächsischen Werdau gegründet wurde, ihren Standort nach Syrien zu verlegen und ruft zum Boykott auf.

Einsendung Maria G.: #Klier #Friseur Wenn das stimmt,ist es eine bodenlose Frechheit Frauen so zu diskriminieren! Das…

Posted by Volksbewegung NordThüringen on Samstag, 15. Juli 2017

Twitter-Nutzer mit wohlklingenden Namen wie @A_Flicklgruber (übrigens ein fleißiger Multiplikator der ganz und gar nicht rassistschen „Identitären Bewegung“ wünschen sich den abendländischen Untergang des Traditionsunternehmens binnen Monatsfrist…

…während sie in ihrer Meinung mittels Boykott durch AfD Direktkandidaten bestärkt werden…

…und dann mittels #stopislam der Verdacht der Diskriminierung von Frauen um eine religiöse Komponente erweitert wird…

Selbstverständlich wird der Sturm durch die üblichen Mechanismen wie die funktionsferne Nutzung der Unternehmensbewertungen begleitet. Das gehört ja mittlerweile fast schon zum guten schlechten Ton.

Stellungnahme zum missverständlichen Aushang in einer Frisör Klier-Filiale in ZwickauIn den vergangenen Stunden wurde…

Posted by Frisör Klier on Samstag, 15. Juli 2017

Was die meisten dieser Absender, neben einer Agenda, gemein haben?

Die Unwilligkeit zur inhaltlichen Auseinandersetzung jenseits der Minutenfrist. Denn obwohl die Kette mit dem oben eingebundenen Post sehr zügig, verständnisvoll und umfangreich auf Facebook Stellung bezogen und den Aushang mit der fehlenden Kompetenz des syrischen Mitarbeiters (er ist nun mal zum Herrenfriseur ausgebildet!) begründet hat, wird auf keiner Präsenz jener Absender der Faden auch nur ansatzweise kritisch wiederaufgenommen. Selbst in den Kommentarspalten negiert die Masse jede Argumentation der Friseurkette, konstruiert eine antideutsche Personalpolitik und mündet nicht selten in der braunblöden Welt der Verschwörungstheorie.

Bedrohung statt Diskurs

Also verbleibt die inhaltliche Diskussion an der Oberfläche und Privatpersonen bleiben, wie so häufig, nicht unbehelligt. Wer würde als Mitarbeiter_in bei Klier angesichts solcher Tweets nicht mit einem flauen Gefühl zur Arbeit gehen oder, wenn auch nur kurzfristig, Angst um die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Arbeitsplatzes bekommen?

Das sehen die Verantwortlichen ähnlich. Sie >verstärkten in Zwickau die Sicherheitsmaßnahmen, >versetzten den Frisör an einen anderen Standort und >lassen den syrischen Mitarbeiter nicht mehr alleine im Salon arbeiten.

Wir fassen zusammen.

Ein Friseursalon informiert seine Kunden per missverständlichem Aushang über einen Personalengpass zu bestimmten Tageszeiten. Dies wird zur Diskriminierung der deutschen Kundin und Islamisierung des deutschen Staates verklärt. Ein traditionsreiches Unternehmen muss sich aufgrund seiner integrativen Ausbildungspolitik rechtfertigen und zumindest vorübergehend mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen während sich seine Mitarbeiter überregional einer vorübergehenden Bedrohungslage ausgesetzt sehen. Wir wollen uns lieber nicht vorstellen, was in den Köpfen manches Personalentscheiders in anderen Unternehmen vorgeht, wenn es nun um Anstellung und Ausbildung integrationsbereiter Geflüchteter geht. Und wir hoffen, dass die Mitarbeiter weitestgehend vom Hatestorm verschont bleiben und dass >andere verantwortungsvolle Unternehmer der Branche nicht von den Randbereichen dieser rassistischen Kommentarflut erfasst werden.

Es zeigt sich einmal mehr, dass hateaid.me, unsere erste Anlaufstelle und Orientierung für die Betroffenen politisch motivierter Gewalt im digitalen Raum, immer wichtiger ist, wenn es um die Interaktion mit Opfern geht. Zu sehr stehen nämlich die Verursacher des Hasses im Mittelpunkt, während die Angegriffenen alleine stehen bleiben. Wir wünschen dem syrischen Friseur in Zwickau und dem Team der Friseurkette Klier alles Gute und wir würden uns freuen, wenn Sie uns kontaktieren. Wer Hateaid.me als Plattform unterstützen mag: sehr gerne.

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PS: Die Wurzel allen Übels? Die Vertragsfreiheit.

Mal ganz nebenbei!

Sowohl die Benachteiligung der unfrisierten Dame aus Zwickau oder die Bevorteilung des morgenländischen Meuchelfriseurs aus Syrien würde übrigens, wenn sie denn existieren würde, auf einem ganz einfachen Grundsatz basieren – der Vertragsfreiheit!

Hier wird unter anderem geregelt, dass jede Person das Recht hat, nach eigenem ermessen Verträge anzubieten oder anzunehmen. Das populistische Lager hat hierzu gerade in Bezug auf die Rundfunkgebühren eine deutliche Meinung: Sie existiert nur auf dem Papier und muss dringend wiederhergestellt werden. So liest sich zumindest der Beitrag auf > Jouwatch. Einem rechtspopulistischen Blog der durch populistische Multiplikatoren gerne und intensiv zur Argumentation und Legitimation der eigenen geäusserten Meinung hinzugezogen wird. Wir plädieren für mehr Konsequenz!

Foto: Danny Hope, Scissors (CC BY 2.0)