“Seien Sie doch froh, dass die Sie wenigstens nicht erdolchen” – unsere Aufgabe im Spiegel von User-Kommentaren

Immer wieder bekommen wir viel “Feedback” rund um unseren Aufgabenschwerpunkt “Digitaler Hass”. Vornehmlich davon auf unseren Social Media Präsenzen auf Facebook und Twitter. Wer uns noch nicht kennt, und mal gucken mag, was wir praktisch tun: hier ist ein Überblick über einige unserer Projekte im letzten Jahr und unsere Pressearbeit.

Wie ihr euch vorstellen könnt, sind durchaus viele Kommentare grob beleidigend und stereotypisierend. Wechselweise werden Kommentatoren dabei übergriffig, unterstellen uns Parteinahme, Korruption oder Sympathien für den radikalen Islamism, den Linksradikalismus oder anderen Unsinn.

Es gibt aber auch viel Positives, für das wir sehr dankbar sind. Und dann gibt es durchaus manchmal auch einen Kommentarkomplex, für den wir selbst dann dankbar sind, auch wenn der Ton manchmal nicht so stimmt: die Kommentare, bei denen wir feststellen, dass wir uns manchmal doch noch besser erklären müssen oder etwas unklar ist. Dieses Feedback ist besonders wertvoll für uns. Als junger Verein ist man eben noch nicht in allen Details so durchgestylt, wie man das viel öfter sein möchte. Fragen helfen uns, unsere Kommunikation zu optimieren. Daher: danke an die Kommentatoren, die uns dabei helfen, auch wenn wir inhaltlich nicht immer übereinstimmen oder der Ton durchaus manchmal freundlicher sein kann.

1. “Wie definiert Ihr eigentlich Hass?”

Durchaus nicht selten wird die Frage gestellt, wie wir einen unserer Themen-Schwerpunkte – den Kampf gegen digitalen Hass – definieren. Die Fragen sehen dann meist ungefähr so aus:

Wir antworten mal mit einer Herausforderung: Definieren Sie Liebe!

Eben.

Wikipedia definiert Hass als „intensives Gefühl der Abneigung gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen“ (z.B. Fremdenhass, Frauenhass, Judenhass) und kann zu aggressiven Handlungen gegenüber den Hassobjekten führen. Ursache ist meist die Bedrohung oder Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls. Hass wird häufig als Gegenteil von Liebe oder als eine Folge enttäuschter Liebe interpretiert.

Unsere Aufgabe ist es aber nicht den Hass zu verbieten oder jede Form von Hass, die wir persönlich als falsch empfinden, zu “zensieren”. Man fragt sich doch manchmal, was unsere Kritiker einem jungen Verein in Sachen Veränderungsfähigkeit alles zutrauen.

Die Form von Hass, die uns besonders interessiert, ist zweckmäßig, v.a. politisch und mit Kalkül “produzierter” Gruppen-Hass gegen Einzelne und Institutionen. Kampagnen, in deren Zentrum eine Lüge steht, das grobe Verdrehen von Tatsachen, Dekontextualisierung von Aussagen, die dann in sozialen Medien gestreut werden, um Stimmung zu machen. Wir fokussieren uns auf Hass, der einem Zweck dient. Und zwar dem Zweck, Menschen und Institutionen durch das Überraschungsangriffe nach dem Motto “Viele gegen Wenige” zu überfordern.

2. “Hass Online? Ist doch gar kein Problem. Dafür gibt’s doch die Polizei.”

Ein weiterer Fragekomplex dreht sich um die Frage, ob unsere Arbeit nicht sinnlos ist, weil es schließlich Gesetze gegen Dinge wie Beleidigung u.ä. gibt – ist ja alles ganz einfach. Man darf ja so auch niemanden beleidigen. Dann ist das online ja nicht anders. Oder?

Schnelle Antwort: Die Gesetze sind nicht das zentrale Problem. Deren Anwendung ist es vor allem. Und da hapert es fast auf jeder Ebene massiv.

Hasskampagnen sind mittlerweile leider fast an der politischen Tagesordnung. Und nicht alle davon wirken digital. So hat zum Beispiel der Vorsitzender einer Fuldaer Bürgerinitiative Anfang 2017 über Monate Psychoterror in Reinform zu spüren bekommen: Anrufe, Rufmordkampagnen, Todesanzeigen im Briefkasten, verdorbenes Fleisch in der Post. Dergleichen.

Polizei und Gerichte stehen in solchen Fällen fast immer vollkommen hilflos einem Problem gegenüber, dessen Einzelteile (“da hat jemand angerufen”) nicht bedrohlich wirken, es in der Summe aber sind.

Im Fall der Hasskampagne gegen den Autor dieses Artikels Ende 2016 multiplizierte sich die Drohkulisse durch die niedrige Eintrittsbarriere, eine Drohung abzusetzen und die eigene Identität zu verschleiern. Vor tausenden digitaler Beleidigungen und Übergriffigkeiten, einige davon mit expliziter Todesdrohung, stand die Polizei komplett hilflos dar, weil sie nicht wusste, wie man gegen anonyme Twitter-User ermittelt. Bei der Staatsanwaltschaft sieht die Lage meist nicht besser aus. Einzelne Hassbotschaften werden oft als Nichtigkeit abgetan, obwohl die Wirkung für den Angegriffenen sich meist aus tausenden von Botschaften über Tage hinweg zusammensetzt.

Um es plastisch zu machen: So etwas lesen wir durchaus immer wieder mal. Die drei Tweets unten sind nur aus den letzten Tagen nach Weihnachten. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen so etwas in hoher Dichte durch viele Accounts. Und es gibt niemanden, der so etwas sanktionieren kann…

3. “Könnt ihr was gegen Messerattentäter machen? Dann müsste es auch keinen Online-Hass geben.”

Zugegeben – wir machen gerade den großen Bogen. Und wir kommen nun tendenziell zu einem Fragekomplex, der zwar immer noch etwas mit unserer Aufgabe zu tun hat, den wir aber meist als grob unfreundlich empfinden. Dabei werden mehrere Themenkomplexe so vermengt, dass keine logische Diskussion mehr möglich ist.

Man kann hier viel entgegnen. Es beginnt schon damit, dass unsere Aufgabe ebenso wenig das Verhindern von Messerattentaten ist wie es unsere Aufgabe ist, Wohnungsbrände zu löschen oder Mathe-Nachhilfe zu geben. Da wir als Verein diese Aufgabe nicht haben, können wir uns auch nicht um die Details der Bedrohungslage kümmern. Anzumerken, dass wir uns erst um “Messerei” kümmern müssen, weil das unsere staatsmännische Pflicht sei, ist, wie eine beliebige Person auf der Straße anzugehen, warum sie nicht häufiger beim Löschen von Wohnungsbränden helfen würde und ob dieser Person die Opfer nicht völlig egal wären.

Nein, uns sind die Opfer von Terror und Gewalt – gleich, ob durch Flüchtlinge, Migranten oder Nazis – absolut nicht egal. Wir müssen uns nur fokussieren. Für all diese Themen gibt es Organisationen, die deutlich besser mit Folgen und Folgeschäden umgehen können als wir und deren Aufgabe das konkret ist.

Eine Sache wollen wir hier aber noch einmal abschließend anmerken: digitaler Hass gegen Unbeteiligte ist keine begründbare Antwort gleich auf welches Messerattentat. Keiner der unter Punkt 2 aufgeführten Hass-Messages war eine begründete Reaktion auf ein Messerattentat oder ähnliche Verbrechen. Was mit dieser Argumentation getan wird, ist, Verbrechen, die digitale Gewalt nun mal sind, zu begründen als ob es dafür eine Entschuldigung geben würde.

Die gibt es nicht. Nur zu wenig Hilfe für Leute, die digitalem Hass ausgesetzt sind.

Photo by Niklas Hamann on Unsplash


Als gemeinnütziger Verein suchen wir Unterstützer für unsere Arbeit gegen digital verbreitete populistische Wut. Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, können Sie das direkt unterhalb dieses Textes über unseren sicheren Partner betterplace.org tun.

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