2017: Das Jahr, in dem das politische Internet langsam erwachsen wurde.

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Die Zeiten ändern sich. Manchmal auch zum Guten.

Noch vor einem halben Jahr schleppten sich doch einige von uns eher depressiv durch den kalten dunklen Winter 2016/17. Der Brexit war beschlossen, Trump war gewählt, die AfD schien auf die 20% bei der Bundestagswahl zuzusteuern, Hatespeech war eher die Norm im Netz. Die Laune eher so…

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Doch die Zeiten ändern sich.

Die Idee hinter Fearless Democracy – die Hilflosigkeit unserer bräsigen, langsamen Demokratie  durch einen stärkeren Fokus auf die inhaltlichen Treiber von Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass zu richten – hatten neben uns durchaus auch andere. Manchmal sind es ja viele kleine Reaktionen, die dann doch etwas bewegen. Wir haben den Eindruck, dass global die Zivilgesellschaft sich automatisch gegen den Ansturm der Populisten mit neuen Taktiken gewehrt hat, die sie relativ schnell selbst erfand und die sehr viel mit dem Netz und Medien zu tun haben.

Können Sie sich noch an diesen Reporter erinnern, der im Februar das Unerhörte wagte, und dem Präsidenten widersprach? Das war damals total neu. Damals? Das ist fünf Monate her.

Hatespeech, Fake-News und Datenjournalismus sind mittlerweile Chefsache. Selbst die FAZ bekommt es bei einem auffällig homophoben „Gastartikel“ plötzlich mit ziemlich vielen aufmerksamen Menschen auf twitter zu tun, die aus gutem Grund einige Fragen stellen, wem man denn da Gastfreundschaft gewährt hat. Martin Sellners neurechtes Wäldchen lässt grüßen. Was heute auf twitter passiert, füllt heute Nachmittag oder morgen Mainstream Titelseiten – oder zumindest ihre ohnehin wichtigeren Online Pendants.

Auch wenn politische Institutionen immer noch deutlich zu langsam für diese Welt im Echtzeit-Wandel sind, scheint sich das Blatt woanders zu drehen: Hetze wird langsam auch im öffentlichen Raum als solche benannt, Counterspeech-Gruppen wie #ichbinhier erhalten Preise und kultivieren den Kampf gegen Hate-Speech – Ottonormalhater scheint sich nicht mehr ganz so sicher zu fühlen wie früher. Die Zivilgesellschaft spricht über Hass und Populismus im Netz und entschärft so deren Schwert: Hass muss unsichtbar und undefiniert bleiben um zu wirken. Das haben nicht zuletzt die geleakten AfD-Whatsapp Chats gezeigt, die eine in Auflösung befindliche Partei noch weiter in die Defensive brachte.

Dass sich Hetzer nicht mehr ganz so sicher zu fühlen scheinen, zeigt derzeit auch ein interessanter Fall aus den USA. Wir erinnern uns. Vor einigen Tagen hat dieser orange Mann, der unerklärlicherweise jetzt alleine die 7.000 Atomsprengköpfe der Vereinigten Staaten befehligen darf, dieses Video gepostet.

Das Video stammte wiederum von einem Reddit User mit dem schönen Namen „HansAssholeSolo“. Wer Reddit nicht kennt: Reddit ist mittlerweile eine der Popkultur-Quellen des Internet. Eine Seite mit vielen Nischen und Subcommunities, mit einer Form von Humor, die alles aber sicher nicht PC ist – bevölkert von Gamern, Sneaker-Fans, Manga-Girls, Musikliebhabern und eben auch Rassisten oder Antisemiten. Aber Reddit hat auch eine subtile Ethik. Und gegen die hatte „HansAssholeSolo“ mit einigen antisemitischen und xenophoben Ausfällen durchaus verstoßen. Viel schlimmer aber: durch Trumps riesige Reichweite hat er den Fokus auf diesen User und seine wohl wenig durchdachten Ausfälle gerichtet. „HansAssholeSolo“ stand plötzlich repräsentativ für eine Plattform, die eben auch sehr viele sehr schöne und tolle Seiten hat.

Das Resultat kam mit einem offiziellen Entschuldigungsschreiben des Users. Und ich finde, dass diese Entschuldigung nicht als Demütigung eines Users gelesen werden sollte. Eine Gegenthese kann nämlich auch sein, dass Menschen langsam die Empathie für andere Menschen trotz der Entfremdung durch Technik wiederfinden. Möglicherweise realisieren durchaus langsam einige Zeitgenossen durch viele kleine Schritte und Dinge, dass sie eigentlich auch – trotz Meinungsunterschieden – selbst Teil einer Welt sind, in der sie Respekt nur dann erhalten können, wenn sie eben nicht wie ein offenes Messer mit ihren Mitmenschen umgehen. Ein solches Schreiben ist deshalb wirklich auch als ein kleiner empathischer Moment eines Menschen in einem Lernprozess zu lesen.

Unsere Freunde von Schmalbart fassten dieses bemerkenswerte Schreiben hier wie folgt zusammen:

Vermutlich können wir den Text bald in Schulbüchern finden. Das Dokument einer Selbstfindung. Ende einer Irrfahrt, Anfang einer Selbstaufklärung. Interessant ist aber der *Prozess*. Ein Beleg dafür, dass die wesentlichen Veränderungen unsichtbar geschehen, im Reaktionsbrutkasten der eigenen Seele, bevor es dann – „überraschenderweise“ – zu solchen Dokumenten kommt. Oder anders gesagt: Ab und zu sollte sich jeder einmal schlaflos im Bett wälzen … (DG)

 

Foto: Unsplash, Sunset Girl

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