Der Fall Jenna Abrams. Wie eine rechte Bloggerin als Kreml-Drohne aufflog.

In der gruseligen neuen Welt politischer Desinformation wird aus digitaler Wut politisches Kapital geschlagen. Auch wir haben manchmal ein paar Probleme jede neue Variante in Sachen politischer Desinformation zu verstehen.
Aber als Verein von Experten aus dem Digital- und Kommunikationsumfeld versuchen wir gerade deshalb Inhalte zu kuratieren und ein Stückweit „vorzulesen“, um genau das sichtbar zu machen. Wer Fearless Democracy e.V. schon auf Facebook folgt, kennt vielleicht schon unser Projekt The Wave. Hier kuratieren wir in schöner Regelmäßigkeit lesenswerte Artikel aus den unendlichen Weiten populistischer Desinformation.

Heute sei aber nochmal auf einen aktuellen Presseartikel verwiesen werden, den wir für besonders interessant hielten. Er zeigt die unglaubliche Professionalität einer politischen Hass-Industrie auf, die schon seit langem mit „Influencern“ arbeitet, wie das auch die „normale“ Marketing Industrie tut. Influencer: Das sind auch hier meist gut vernetzte Persönlichkeiten auf twitter oder anderen Social Networks, denen viele andere User folgen. Meist, weil sie spitz und pointiert schreiben, manchmal, weil sie einen besonderen Blick auf ihre Realität haben, oft, weil sie gut aussehen oder exklusive Informationen haben. Gerade in dieser Domäne von tendenziell eher unpolitischen Beauty-Bloggern breitet sich derzeit weltweit die neurechte Szene und das identitäre Umfeld aus.

In den USA ist gerade der Account der Twitter-Userin Jenna Abrams gesperrt worden. Jenna war ein typischer Vertreter neurechter Twitter-Influencer, die versuchen, Rassismus und rechtsradikale Gesellschaftsmodelle über twitter salonfähig zu machen. Was einmal mit lakonischen Kim-Kardashian-Posts und diversen Alltäglichkeiten anfing, mutierte kaum spürbar zu einem Strom von Postings, die zunehmend rassistischer und revisionistischer wurden. Jenna schrieb nun weniger über die Kardashians und mehr über andere Themen. Ihre wachsende Followerschaft lernte mehr und mehr ihre Ansichten rund um die amerikanische Sklaverei, Muslime und die (in den USA rassistisch konnotierte) Konföderierte Flagge kennen. Mehr und mehr bloggte Jenna als jemand, der dem üblichen rechten Geschwafel von Umvolkung, dem christlichen Abendland, der Gefahr durch Muslime und der Relativierung des alten Südens in den USA folgte.

Wenn da nicht ein Problem gewesen wäre. Jenna gab es nie.

Sie war ein Kunstprodukt der russischen „Internet Research Agency“, einer staatlich geförderten Troll-Fabrik, wie Daily Beast jetzt herausfand. Troll Fabriken, wie der „Internet Research Agency“, wird dabei eine Schlüsselrolle in der digitalen Manipulation im Westen durch die russische Regierung eingeräumt. Dort arbeiten Angestellte oder Freelancer mit guten Sprachkenntnissen aus dem Westen, die, mit Fake-Accounts und dem nötigen Kleingeld ausgestattet, als angebliche Bürger westlicher Staaten politisch Stimmung im Internet machen. Jenna Abrams selbst war eine reine Kunstfigur. Ihr Twitter-Feed und ihr Blog wurde in Sankt Petersburg geschrieben. Den Nachweis erbrachte die Offenlegung eines großen Datenpakets im Umfeld der gegenwärtigen Untersuchungen im US-Kongress im Rahmen des House Intelligence Committees.

Klar, der Bürgerkrieg hatte nichts mit Sklaverei zu tun

Abrams hatte knapp 70.000 Follower auf Twitter. Damit war sie in Sachen Followerpower nicht in der Spitzengruppe, wohl aber einflussreich genug um sichtbar zu sein. Und hier wird es besonders pikant: Denn Jenna Abrams war vor allem für ihre scharf formulierten Tweets bekannt. Sie wurde in dutzenden journalistischen Produkten zitiert, darunter Fox, Infowars, der Washington Post, Buzzfeed, Sputnik, RT Russia, Times of India, die BBC und vielen mehr. Fast schon beeindruckt muss man sich zeigen, wie viel Energie in den Aufbau der künstlichen Persona Jenn Abrams geflossen ist. Denn die folgte einer klaren Logik, der auch in Deutschland der neue digitale Rechtspopulismus folgt. Nicht der geschrieben Tweet ist unbedingt entscheidend. Viel wichtiger sind die Pressevertreter, die aus jedem Tweet eine Nachricht machen. Denn nur so generiert sich richtig Reichweite. Und genau so baute Jenna Abrams die „Internet Research Agency“ Reichweite, Followerschaft und ihre Glaubwürdigkeit aus.

…stretching back to 2014, Abrams’ account built up an image of a straight-talking, no-nonsense, viral-tweet-writing young American woman. She was featured in articles as diverse as “the 15 funniest tweets this week” to “#FeministAMovie Proves Why Twitter Can’t Have Nice Things.” Then, once she built her following, she would push divisive views on immigration, segregation, and Donald Trump, especially as the 2016 election loomed…

Von außen gesehen, folgt die Kunstfigur Jenna Abrams damit einem recht typischen „Storytelling-Schema“, das wir auch bei diversen anderen neurechten Persönlichkeiten man gesehen haben. Das Stichwort heißt Radikalisierung. Als über Lifestyle und Alltägliches twitternde junge Frau, die – wie so oft – „Klartext redet“ war Jenna für viele Follower ein attraktiver Account, dem man folgen wollte. Hatte sie erst Reichweite bei den Usern gesucht, die auf Leute stehen, die „endlich mal Klartext reden“, zeigte sich, was der Klartext war: ein im Kern tiefrassistisches Weltbild, mit dem Jenna ihre Follower versorgte. Content-Strategie nennt man das auf Fachchinesisch. Aber nicht nur eigene Tweets schrieben die Russen für Jenna. Um die Person möglichst realistisch aufzusetzen, musste sie sich auch Diskussionen mit anderen Twitter-Usern liefern. So stritt sich Jenna Abrams für alle sichtbar mit der Schauspielerin Roseanne Barr und dem ehemaligen US-Botschafter in Moskau. Und mit jeder Diskussion, mit jedem kleinen Streit, mit jedem Dizz verfestigte sich das Bild, dass es sich bei Jenna Abrams um eine junge Klartext-Frau handelt, die endlich mal anspricht, was Sache ist.

Der Fall Jenna Abrams ist derzeit nur eine Fußnote in einem komplexen und auch für Fachleute kaum transparenten Spiel, das in dem es um wirklich große Politik geht. Speziell durch die Untersuchungen in den USA wird gerade viel bekannt. Spannend wird für uns aber vor allem auch die Frage sein, ob in Deutschland mit ähnlichen Taktiken bereits gearbeitet wurde. Dass schon im deutschen Bundestagswahlkampf mit russischen Bots gearbeitet wurde, konnten wir zusammen mit Buzzfeed vor einem Monat zeigen. Dass schon sehr lange ein System rechter Facebook-Gruppen den Facebook Algorithmus so ausnutzt, dass sie neuen Nutzern eher empfohlen werden, ebenfalls. Ob aber auch hier russische Troll-Fabriken neurechte Fake-Hetzer als Kunstfiguren im Internet führen, um die Meinung zu beeinflussen, sei zu untersuchen. Ein paar Tipps hätten wir…

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