Extremismusforscherin Julia Ebner: “Hasskampagnen folgen einem klaren Muster”

Die Wissenschaftlerin Julia Ebner sitzt nicht gerne im Elfenbeinturm. Stattdessen begibt sich die 26-jährige Extremismus-Forscherin undercover in die besonders dunklen und dreckigen Ecken des Internets: Getarnt unter falschen Namen verbringt Julia viele Stunden pro Woche in IS-Chats auf Telegram oder in rechtsextremen Gruppen bei Discord. Dabei hat sie teils verblüffende Parallelen zwischen islamistischen und rechten Extremisten entdeckt und darüber ein Buch geschrieben. Beide Seiten haben zum Beispiel gemein, dass sie Hass-Kampagnen systematisch einsetzen, um Gruppen und Individuen in oftmals virtuos orchestrierten Kampagnen bei Facebook, YouTube, Twitter und Co. einzuschüchtern, zu demütigen, zu verleumden und letztlich unmöglich zu machen.

Julia war selbst bereits mehrmals die Zielscheibe solcher systematischen Hass-Kampagnen und weiß, wie groß der psychische Leidensdruck ist und was das mit einem macht. Im Interview mit Fearless Democracy e.V. erzählt sie außerdem, welche Rolle wir als Gesellschaft einnehmen müssen, um Betroffene besser zu schützen und Hass-Kampagnen in Zukunft besser einzudämmen.

Das Interview führte Philip Husemann

Julia, in deinem Buch “Wut. Was Islamisten und Rechtsextremisten mit uns machen” beschreibst du im Epilog sehr anschaulich, was die Wut von Rechts mit dir gemacht hat. Was ist damals passiert? 

Am 1. Mai 2017 erschien ein Artikel von mir in The Guardian, in dem ich über die internationale Mobilisierung und das Vorrücken von Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft schrieb. Am Tag darauf stürmte der Gründer der rechtsextremen English Defense League und Pegida UK Tommy Robinson das Büro meines damaligen Arbeitgebers Quilliam, einer Londoner Anti-Extremismus-Organisation. Er konfrontierte mich vor laufender Kamera und livestreamte den gesamten Überraschungsbesuch zur kanadischen „alternativen“ Plattform Rebel Media. Daraufhin begannen Breitbart und zahlreiche andere amerikanische Alt-Right-Medien und europäische neurechte Plattformen darüber zu berichten und es kam zu einer mehrwöchigen Hass-Kampagne gegen mich in den sozialen Medien und auf den Messaging Boards 4chan und 8chan.

 

Du hast seitdem vier Hass-Kampagnen durchlebt. Zuletzt vor wenigen Tagen in Deutschland, nachdem du dein Buch in der ZDF-Sendung Markus Lanz vorgestellt hattest. Unterschied sich dieser Hass-Sturm von den vorherigen? 

Ja, es gab große Unterschiede zwischen all diesen Hasskampagnen, da sie von unterschiedlichen Gruppen ausgingen und unterschiedlich stark koordiniert wurden.

Gerade bei der letzten Kampagne nach der Markus Lanz Sendung ging es vor allem um mein Alter und mein Geschlecht, im Vordergrund standen direkt an mich adressierte Beleidigungen und sexistische Posts. In einigen der Kampagnen davor hatte ich teilweise noch explizitere Vergewaltigungsdrohungen und Morddrohungen erhalten. In diesem Fall konnte ich außerdem nachweisen, dass es sich um eine koordinierte und geplante Kampagne handelte und von einigen deutschen weißen Nationalisten ausging, die sich in verschlüsselten Nachrichtenapplikation Discord absprachen.

 

Mit unserer Plattform HateAid möchten wir Menschen, die von einem Hass-Sturm betroffen sind, ganz praktisch helfen. In welchen Bereichen wird Hilfe im Hass-Sturm am dringendsten benötigt? Welche Instrumente braucht es? 

So ein Hass-Sturm ist auf mehreren Ebenen herausfordernd, und das nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren privates und professionelles Umfeld. Daher brauchen wir einen multidimensionalen Zugang, der psychologischen Selbstschutz mit Hilfestellungen zu Sicherheits- und Kommunikationsaspekten kombiniert. Es wäre wichtig, spezielle Hilfeleistungsprogramme zu entwickeln, die angepasst sind auf die Herausforderungen der unterschiedlichen gefährdeten Gruppen wie Journalisten, Aktivisten, Politiker und Minderheiten. Mindestens genauso wichtig ist aber die allgemeine Aufklärungsarbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene; Nutzer sozialer Medien und Arbeitgebern sollten über die Techniken von Internettrollen aufgeklärt und zu Zivilcourage ermutigt werden, um zu verhindern, dass die Initiatoren von Hass-Kampagnen ihr Ziel der Einschüchterung erreichen.

 

Als Extremismus-Forscherin bist du fast täglich “undercover” auf digitalen Plattformen unterwegs, die von Islamisten und Rechtsextremen für die Planung und Umsetzung ihrer Hass-Kampagnen genutzt werden. Laufen Hass-Kampagnen eigentlich immer nach dem gleichen Schema ab? 

Nicht immer, aber in den meisten Fällen folgen sie einem klaren Muster, bei dem zuerst in verschlüsselten Privatchats die Zielscheibe (Einzelpersonen, Organisationen oder Kampagnen) und die Strategie festgelegt werden bevor die Kampagnen in den sozialen Medien gestartet werden. Diese Art der Koordinierung hinter den Kulissen erzeugt oft einen deutlich größeren Effekt der Einschüchterung.

In extremen Fällen werden Kampagnen im Netz mit Hausbesuchen, Doxxing (dem Bekanntmachen von persönlichen Daten der Betroffenen oder deren Familien), Anrufen bei Arbeitgebern u.ä. ergänzt, um den Schaden zu maximieren.

 

In deinem Buch appellierst du stark an die Mobilisierung der Mitte, sie müsse den Teufelskreis der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung durchbrechen. Wie schaffen wir das? 

Um zu verhindern, dass die politischen Ränder die Mitte übertönen, müssen wir einerseits die Manipulations- und Kommunikationstechniken von extremistischen Netzwerken offenlegen und andererseits stärker von der Mitte ausgehende Solidarisierungs- und Zivilcouragebewegungen gegen koordinierten Hass fördern. Das bedeutet vor allem Internetnutzer mit dem Wissen, den Mitteln und der Motivation auszustatten, um Hasskampagnen im Netz effektiver entgegenzuwirken.

 

Oft erwähnst du auch die Bedeutung von Kreativität und Mut. An einer Stelle heißt es, dass wir neue, innovative Ansätze im Aktivismus und in der Kommunikation verfolgen müssten. Zum Abschluss: Was rätst du uns digitalen Aktivisten? 

Wir haben es mit komplett neuartigen Medienökosystemen zu tun und Extremisten waren leider besonders gut darin, deren Schwachstellen zu nutzen, um Sympathisanten zu mobilisieren, Gegner zu bedrängen und Durchschnittsbürger zu radikalisieren. Wir sollten uns deshalb Ansätze überlegen, die über traditionelle Anti-Hasskampagnen hinausgehen. Nicht alle Trolle, die an den Hasskampagnen teilnehmen, tun das aus politischen Gründen; für viele ist es einfach nur Zeitvertreib oder eine willkommene Ablenkung vom monotonen Alltagsleben. Daher stellt sich die Frage, inwiefern wir auch Gamification, Satire und Kunst verwenden können, um den Kampf gegen Hass im Netz spannender zu gestalten und auch unterschiedliche Subkulturen im Netz zu mobilisieren, bevor es Extremisten tun. Außerdem geht es sehr oft um Geschwindigkeit; wir brauchen schnellere und besser koordinierte Anti-Hass-Reaktionssysteme. HateAid, #ichbinhier und die Online Civil Courage Initiative sind hier vielversprechende Initiativen!

 

Lesetipp:

Man kommt aus dem Staunen und Nicken nicht raus, wenn man Julias Buch Wut – Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machenliest. Denn sie erklärt nicht nur, aus welchen Ecken der Hass in die Gesellschaft strömt und wer den Hass mit welchen Mitteln schürt. Sie schließt daran ein Plädoyer zur Mobilisierung der Mitte an, stets handlungsorientiert und strategisch smart. Der Umgang mit systematisch produziertem Hass ist ein gesellschaftlich sehr neues Phänomen. Wichtig, dass es hier Wissenschaftlerinnen wie Julia gibt, die so neue Phänomene strukturieren und klassifizieren.

Das BuchWut – Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ gibt es hinter dem Link auf buecher.de.

 

Julia Ebner, Wut

 

 

 

 

 

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  1. Psiram » Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW17, 2018)

    […] fearlessdemocracy.org: Extremismusforscherin Julia Ebner: “Hasskampagnen folgen einem klaren Muster” […]

    29. April 2018 at 20:03

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