„Wir müssen das jetzt versuchen“. Ein Interview mit Lamya Kaddor.

Die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Lamya Kaddor ist schon lange eine Freundin unseres Vereins. Auch, aber nicht nur, weil wir durchaus ähnlichen Hass aus ähnlichen Quellen erlebt haben. Lamya Kaddor sieht man häufig im Fernsehen oder in der Zeitung. Zuletzt machte sie vor allem durch den “Ramadan Friedensmarsch” Schlagzeilen, bei dem sich Muslime & Freunde für eine friedliche gemeinsame Umwelt und explizit gegen Terror aussprechen konnten. Trotz Top-Präsenz in allen Medien und prominenten Unterstützern blieb die Teilnehmerzahl hinter den Erwartungen zurück. Lamya, die schon im Vorfeld vor allem von Vertretern rechtskonservativer und -populistischer Gruppierungen angegriffen wurde, musste sich plötzlich noch mehr verteidigen.

Hallo Lamya, wie geht es dir jetzt, einen Monat später? Konntest du ein bisschen entspannen und reflektieren? Wie siehst du die Ergebnisse des “Ramadan Friedensmarschs” heute?

Der Ramadan Friedensmarsch war für mich eine echt neue Erfahrung. Ich habe noch nie eine Demonstration organisiert. Da muss man sich plötzlich um alles kümmern: von den rechtlichen Dingen, über die Unterstützer bis hin zur Gestaltung von Transparenten und einer Website, die das Programm ankündigt. Klar hätte ich mir mehr Teilnehmer gewünscht. Aber ich bin froh um jeden, der da war und dass wir es trotz aller widrigen Umstände gemacht haben. Ich ahnte zwar, dass es sehr anstrengend wird, als mein Mitveranstalter Tarek Mohamad und ich den Entschluss gefasst hatten, aber richtig überschauen konnte ich das Ganze natürlich damals noch nicht. Trotzdem: es ist Zeit, zu handeln und nicht nur zu reden. Auch wenn wir nicht so groß waren wie wir hofften, brauche ich kein Mitleid – Tarek und ich haben mit weniger Teilnehmern als gedacht ein tolles Zeichen gesetzt. Darauf bin ich stolz.

Du hast ja mit wenigen Freunden die “Ramadan Friedensdemo” sehr spontan initiiert und organisiert. Warum?

Mir war klar, wir müssen das jetzt versuchen, koste es, was es wolle. Gegen Terror reden, von Tätern distanzieren, Pressemitteilungen schreiben, Antiradikalisierungsprojekte angehen – all das tun wir seit Jahren. Es war Zeit für ein anderes Zeichen, ein öffentliches Zeichen an die Terroristen – eben: #NichtMitUns! Auch wenn die Demo kleiner war, als wir am Vorabend noch selber gedacht hatten. Wir mussten bei der Demo-Anmeldung eine erwartete Teilnehmerzahl nennen, obwohl wir keinerlei Ahnung hatten. Also sagten wir einige hundert, vielleicht ein paar Tausend. Aber die Polizei brauchte eine konkrete Maximalangabe, und so sagten wir: “Vielleicht zehntausend?” In der Medienberichterstattung wurde daraus: „Zehntausende“ würden erwartet. Mit den Berichten – es wurde ja selbst in Großbritannien, den USA, Hongkong oder Saudi-Arabien berichtet – stieg natürlich auch unsere eigene Erwartung an die Teilnehmerzahl, sodass wir am Demo-Tag eben auch enttäuscht waren. Aber in der Rückschau waren es etwa 3.000 Menschen, die wir ganz allein ohne Organisation im Hintergrund, in nicht mal zwei Wochen auf die Straße gebracht haben. Das hat bislang noch niemand geschafft. Wir wollten der muslimischen Zivilgesellschaft damit ein Forum bieten, nicht den Islamverbänden, nicht der Politik. Die muslimische Zivilgesellschaft ist größtenteils unorganisiert. Es ist also entsprechend schwer, an sie heranzukommen. Somit bin ich natürlich ein Risiko eingegangen. Aber das war es wert. Einer muss anfangen. Das ist so etwas wie mein Lebensmotto, wie meine bisherigen Projekte zeigen. Hätten wir erst versucht, eine Einigung mit den Islamverbänden zu erzielen, hätte es Monate gekostet – wenn überhaupt, denn die großen Islamverbände meiden mich seit Jahren, weil ich eben Begründerin des Liberal-Islamischen Bundes bin und ich die konservativen und national geprägten Vorstände von Ditib, Islamrat und VIKZ immer wieder kritisiere. Für eine Unterstützung unseres Demo-Anliegen hätten diese Vorstände über ihren Schatten springen müssen. Das hat mit Ausnahme des Zentralrats der Muslime niemand getan. Und damit werden sie leben müssen.

Wie ist das eigentlich? Du bist ja eine umtriebige, streitbare Intellektuelle, die schon viel erlebt hat. Trifft dich Häme noch wie in diesem Fall? Warum sind wir so hämisch?

Es ist schon erstaunlich: Wenn man versucht, Dinge mit positiven Vorzeichen anzugehen, dann kann man sich auf ganz viel Negativität einstellen. Das ist schon sehr zynisch. Aber wer polarisiert, muss mit Gegenwind rechnen, das ist klar. Nur, wie wenig sich mit den eigentlichen Inhalten auseinandergesetzt wird und wie sehr es immer wieder nur um die Oberfläche geht, kann man wohl erst erkennen, wenn man sowas mal in der Öffentlichkeit gemacht hat. Differenziert wird überhaupt nicht mehr. Es geht nur noch darum, dich und deine Idee zu nehmen und in eine Schublade zu stopfen. Je nachdem, welche Meinung du vertrittst, versuchen weite Teile der Öffentlichkeit eine Idee wie die “Ramadan Friedensdemo” entsprechend ihrer Vorurteile umzudeuten. Und wenn dann weniger Teilnehmer da sind als gedacht, wird das von gewissen Seiten natürlich auch gefeiert.

Welchen Zusammenhang siehst du zwischen Häme und digitalen Medien?

Die digitale Revolution hat extrem viel damit zu tun. Einerseits durch die, die Medien gestalten, als auch die, die sie rezipieren. Ich meine, es ist ja so, dass Printmedien immer mehr an Bedeutung verlieren und der Druck auf die, die Online Medien machen, immer größer wird. Alles in Echtzeit, die Klickzahlen müssen stimmen, und das auch noch dauerhaft. Da zählen differenzierende Meinungen kaum noch. Da ist Ausgleich weniger interessant als die Anforderung, möglichst schräg, kontrastierend und polarisierend zu sein, damit die Ergebnisse stimmen. In Zeiten von Twitter & Co bleibt wenig Raum für Tiefe und Ausgleich. Manchmal fürchte ich schon, dass die Internetnutzung auf lange Sicht mit uns einiges anstellt. Und wir tragen diese Sozialisierung dann in die reale Welt. Viele spüren das ja auch selbst, dass da was mit uns passiert. Ich glaube jedenfalls, die Häme oder Aggressivität, die man im Internet erlebt, auch zunehmend im realen Alltag zu erkennen.   

Mal eine andere Frage: derzeit wird nach den Ausschreitungen an der Schanze viel über linke Gewalt gesprochen. Wo siehst du Parallelen zur Diskussion rund um Muslime und Gewalt?

Naja, zu den Linken wie etwa den Sozialdemokraten kann ich gerade nur sagen: Willkommen im Club. Natürlich waren viele Randalierer dem linken Spektrum zuzuordnen, aber deshalb ist bei weitem nicht jeder Linke ein Chaot. Mit dieser Form von gefühlter Sippenhaft leben Muslime seit Langem: Einzelne bringen eine Gruppe in Verruf, die sich dann von ihnen lossagen soll. „Die“ Linken vertreten eine unglaublich breite politische Denkrichtung, von denen sich viele nicht ansatzweise durch die Gewalt in der Schanze selbst angesprochen fühlen. Hier zeigt sich das Problem mit dem Schubladendenken ganz genauso. So wie getan wird, als ob man mehr als eine Milliarde Muslime in eine Schublade pressen könne, wenn einige von ihnen durchdrehen. Und einem nicht ganz unähnlichen Versuch, diesen Bullen bei den Hörnern zu packen, sehen sich jetzt viele Linke ausgesetzt. Das ist zwar nicht fair. Aber das ist heute wohl so.

Foto: Lamya Kaddor, selbst

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