Wie sowas läuft: Ein Blick in Margot Käßmanns Shitstorm

Irgendwann hat sich ja nach einigen Gedanken rund um Semantik und Politik die Einsicht eingestellt, dass das Sprechen über „Fake-News“ uns allen nicht weiterhilft. Ist alles irgendwie mal Fake-News gewesen irgendwann. Ausser eben, wenn hinter einer Kampagne nicht nur eine mangelhafte investigative Leistung steht (vulgo: eine Zeitungsente) sondern etwas Anderes, etwas Systematisches.

Derzeit tobt der digitale Mob um Margot Käßmann, prominente evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen. In der Mikroperspektive sieht das dann meist etwa so aus, wie im nachfolgenden Tweet.

Frei übersetzt: „Hysterie. Die will doch wirklich jeden zum Nazi machen, der deutsche Vorfahren hat.“ Übrigens: Alle Tweets, die hier gezeigt werden, sind offen und damit nutzbar.

Man könnte jetzt viel dazu schreiben, was Frau Käßmann eigentlich gesagt hatte. Da war nämlich noch ein bisschen mehr Gesagtes dran. Der Einfachheit halber zitieren wir hier den Passus aus dem Faktenfinder der Tagessschau. Es obliegt natürlich jedem selbst, sich dazu eine Meinung zu bilden:

„Käßmann hatte in einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Berlin die AfD scharf angegriffen. Deren Forderung nach einer „Erhöhung der Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“ entspreche dem „kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten: Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern – da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht“, so Käßmann auf der Veranstaltung. Die Aussagen waren demnach direkt auf das familienpolitische Programm der AfD bezogen.“

Es ist nicht so schwer. Und es hat wenig mit Interpretation oder Meinung zu tun: Es macht einen relativ großen Unterschied, ob Frau Käßmann eine eigene Aussage trifft, so wie sie von vornehmlich rechten Kreisen gerade sinnentstellend und twitter-optimiert in die Blase gekippt wird, oder ob sie eine Referenz zum AfD-Parteiprogramm macht. Letzteres ist passiert. Nicht etwa ersteres. Und wenn man wirklich an Inhalten interessiert wäre, wüsste man das auch. Aber hey: man ist auch im AfD-Umfeld gerade im Wahlkampf und die Themen werden rar. Da muss man eben welche produzieren. Auch wenn man einfach den relevanten Kontext weglässt. Die Finesse in der Täter-Opfer-Umkehr ist dabei durchaus beachtlich.

Der digitale, vornehmlich auf twitter befindliche Sturm der Entrüstung gegen Frau Käßmann hat wie immer viele persönliche, unappetitliche und selbstverständlich äußerst unfaire Komponenten. So wird die Tatsache, dass Frau Käßmann vor sieben Jahren mit zu viel Alkohol im Blut eine Ampel überfahren hat, natürlich gegen sie verwandt. Die Vorlage erfolgt in reichweitestarken Tweets, wie den oben abgebildeten, wo eine explizite Alkohol-Referenz als thematischer Rahmen aufgebaut wird. Ja, und dann geht’s weiter…

Eine schnelle Netzwerkanalyse, die Luca für uns erstellt hat, zeichnet ein Bild dieses Sturms, dessen inhaltlicher Kern die Verkürzung – und damit Verfälschung – einer Aussage ist und so zu einer völlig anderen Bedeutung des Gesagten führt.

Was wir im nachfolgenden Bild sehen, sind alle Accounts, die einen Tweet oder Retweet mit dem Begriff „Käßmann“ in den letzten 10 Tagen veröffentlicht haben. Linien bedeuten eine Verbindung (=Followership). Retweets zählen auch in die Grafik hinein. Das bedeutet: Wenn ein Account eine von außen zu ihm getragene Botschaft weiterverbreitet, nimmt es damit selbstverständlich an der Verbreitung der Botschaft teil und wird auch gezählt. Je größer dabei ein Kreis, desto mehr Accounts folgen ihm, die ebenfalls zu dem Thema (in diesem Fall Begriff) in den letzten 10 Tagen geschrieben haben. Man sieht also Verbindungen, die eine besonders hohe Affinität zum Thema Käßmann haben. Nein, die Farben haben nichts zu bedeuten und nein, es gibt keine Gewichtung in den Achsen. Sie sollen auch keine geografische Lage verdeutlichen.

Ein Klick auf den Tweet vergrößert die Grafik:


Das Diagramm sagt nicht aus, dass sich jeder auf diesem Diagramm an einer unfairen Hetze beteiligt. Es ist aber richtig, dass es große Blasen auf twitter gibt, die extrem aktiv an der Verzerrung des Gesagten von Frau #Käßmann arbeiten. Als wir diese Grafik auf twitter publizierten, zeigte sich einmal wieder der Troll-Effekt. Heißt: Hetzer sahen es als Auszeichnung an, hier genannt zu sein. Manche bejammerten, dass sie sich nicht genug repräsentiert sahen. AfD Bund feierte sich förmlich für ihre Kampagne gegen ein Individuum.

Ein Wort hierzu: Gerade die, die gerne mit Begriffen wie Ehre und Denunziation jonglieren, versuchen hier einmal mehr ein unappetitliches und unfaires Framing. Das, was Frau Käßmann gerade digital angedichtet wird, ist in weiten Teilen der Versuch ein Mitglied der Zivilgesellschaft digital so zu beschädigen und zu diskreditieren, dass der Schaden sich in die Offline-Welt fortsetzt. Sie soll unmöglich gemacht werden. Eine offene, faire Demokratie darf nicht zulassen, dass mit dem Aufbau solcher Parallelrealitäten Politik bestimmt wird. Ganz einfach.

Foto: Margot Kässmann (2010), Wikimedia Commons

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Comment (5)

  1. Was Margot Käßmann wirklich über die AfD gesagt hat | Übermedien

    […] 18:52 Uhr veröffentlicht der Verein Fearless Democracy ein Schaubild, wie stark sich Tweets zu Margot Käßmann inzwischen verbreitet […]

    31. Mai 2017 at 17:54
  2. alt left. Ein neuer rechter Kampfbegriff ist geboren. - FearlessDemocracy.org

    […] und rechtsextremes „Storytelling“ zu decodieren. So haben wir zum Beispiel im Fall Kässmann auch über Daten versucht, den Verlauf einer Lügenkampagne nachzuzeichnen, um darzustellen wie […]

    16. August 2017 at 10:34
  3. Wir suchen Unterstützer für unsere Herzensprojekte 2018 - FearlessDemocracy.org

    […] Shitstorms kartografiert und zu Content […]

    23. September 2017 at 10:34
  4. HateAid: Hilf uns gegen digitalen Hass

    […] mehrfach aufzeigen können, wie organisiert Hasskampagnen im Netz sind. So zum Beispiel bei der Hexenjagd auf Margot Kässmann, wo wir mittels Datenjournalismus und Pressepartnern den Ablauf des Shitstorms gegen die Theologin […]

    7. November 2017 at 14:04
  5. Wie sowas läuft: die rechte Digital-Kampagne gegen Elmshorn

    […] in ihrer Grausamkeit sind sie sehr kreativ und werden förmlich zusammen online geschrieben, wie im Fall Margot Kässmann. Oft folgen diese Geschichten auch einem relativ stupiden Muster: Sich künstlich über […]

    19. November 2017 at 10:53

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