Wie Populismus digital funktioniert. Die Geschichte eines Tweets.

Populismus: Was ist das eigentlich? Und wie, um Himmels Willen, funktioniert Populismus im Netz? Berechtigte Frage! Wir erleben das eigentlich jeden Tag und wollen es mal an einem kleinen Beispiel anfassbar machen. Populismus kann im Großen wirken. Oder auch im Kleinen. Denn damit jede missliebige Idee sofort in eine Schublade passt, bevor jemand nachfragt, muss man ein gemeinsames Narrativ schreiben – es ist Co-Creation in Reinform. Das geht mit Menschen, Meinungen und Projekten. Mit fast choreografischer Arbeitsteiligkeit wird alles, was nicht passt, in einer Story passend gemacht, an der häufig viele Accounts mitschreiben. „Framing“ nennt man das auf PR-Deutsch. Was wirklich hinter einem Gedanken steckt, ist meist egal. Hauptsache der Absender taugt als veritables Feindbild: Es geht ums Kaputtmachen und darum, die Geschichte bis ins Extrem weiterzutreiben. Um sonst geht es gar nichts.

Heute erzählen wir mal die Geschichte eines ganz normalen Tweets.

Was wir vorhatten und was die rechte Twitter-Crowd daraus machte, war alles andere als ein Dialog. Es war eine Art Tanz, ein Battle-Rap, dessen einziges Ziel es war, unsere Idee durch Masse im Keim zu ersticken. Auch auf Dialogbereitschaft unsererseits gab es keinerlei Antwort. Man redete nicht mit uns. Man redete nur über uns. Ein Ablauf, der komplett typisch ist und den jeder, der schon mal in ähnlicher Situation gehandelt hat, kennt. Aber was hat das mit Populismus zu tun? Sehr viel. Hier sei nochmal an eine Definition aus einem sehr lesenswerten Artikel der FAZ vom Wochenende erinnert. Eine Definition, die schön darstellt, was denn genau Populismus sein soll. Denn im Kern geht es darum, eine korrupte Elite aufzubauen, zu der natürlich auch willige Helfershelfer wie wir (und viele andere) gehören. Klar.

„Ein Populist ist nach der Definition des deutschen Princeton-Professors Jan-Werner Müller ein Mensch, der für seine Position einen Alleinvertretungsanspruch für das Volk formuliert und die politischen Konkurrenten als machthungrige, korrupte Elite anprangert. Wer dazu in gesellschaftspolitischer Hinsicht dezidiert rechte Thesen vertritt, ist ein Rechtspopulist.“

Populismus hat natürlich große programmatische Ausprägungen, die für jeden gut sichtbar sind. Aber auch sehr viele kleine, kaum sichtbare. Die nachfolgend dargestellte Geschichte unseres Tweets zeigt schön die Abfolge von großen und kleinen Accounts auf twitter, mit denen eine Geschichte kollaborativ gebaut wird. Es wirkt weniger wie eine Abfolge von Argumenten. Vielmehr ist es eine Art gemeinschaftliches Storytelling, bei dem reichweitenstarke Accounts das Narrativ vorprägen. Kleine Accounts füllen dann die Geschichte, die dazu passt. Dieses Prozedere funktioniert wie die gefalteten Bilder auf Kindergeburtstagen früher, bei denen man Kopf, Brust und Beine eines Tieres weitermalen musste, bis man das Papier auffaltete und ein Fabelwesen rauskam. Mit Lösungen oder einem ernsthafen politischen Ansatz – also dem Willen, diese Welt in irgendeiner Weise substanziell weiter zu bringen, gleich wie – hat das natürlich nichts zu tun.

Vor dem Wochenende hatten wir vom twitter Account unserer jungen Plattform HateAid eine Tweet losgeschickt. Derzeit suchen wir gerade Menschen, die politischen Hass im Netz erlebt haben, und denen wir über einen möglichen Kooperationspartner günstig juristischen Beistand zukommen lassen wollen. Die Plattform ist in einem frühen Prototypen-Stadium. Wir wissen nicht, ob das, was dort geplant wird, erfolgreich als Dienstleistung sein kann. Wir suchen ganz einfach einige wenige Probanden mit einschlägigen Erfahrunge, mit denen wir ein Produkt testen und vielleicht nutzbar machen können. Nicht mehr und nicht weniger.

Das war der Tweet.

Man könnte sich jetzt wirklich fragen, was daran schlimm sein soll, Menschen, die Hass im Netz erlebt haben, zu helfen. Hier erstmal ein Ausschnitt des überwältigenden Feedbacks aus der rechten Ecke. Üblicherweise folgt danach eine twitter Kanonade aus Beleidigungen und Versuchen, uns in irgendeine politische Ecke zu stellen.

Soweit die „normalen“ Antworten. Danach folgt die zweite Stufe der Gruppenarbeit: das fröhliche Framen. Das geht so: Man nehme einen rechten Promi, der das Thema inhaltlich vorgibt. Das „Thema“ dreht sich mit Varianten eigentlich immer ums Gleiche: HateAid? Das sind doch eigentlich Linke.

Danach folgen in fröhlicher freier Abfolge Varianten des Themas von rechten/“kritischen“/“FreeSpeech“/Alternativ-Medien B- und C-Promi-Twitter-Accounts, die das Original-Thema weiterspinnen. Dann geht’s weiter runter in den Kaninchenbau. Gerne auch mal mehr, mal weniger direkt mit Drohungen versehen. Und die eine oder andere AfD-Ortsgruppe ist natürlich auch immer mit dabei. Mal mehr oder mal weniger spöttisch:


Einige hundert Tweets später reagiert man selbst auf einzelne Tweets. In diesem Fall sogar mit Gesprächsangeboten an die, die uns vorher noch verlacht haben.

Wie gesagt: es dreht sich um ein kleines Prototypen-Projekt, bei dem wir einige Betroffene finden wollen. Nie haben wir von einer politischen Richtung gesprochen, die für dieses Projekt in Frage kommen. Deshalb haben wir bewusst auch den Dialog mit Menschen gesucht, die sich bedroht fühlen und offensichtlich eher uns kritisch gegenüber stehen. Das Resultat: Erwartungsgemäß: Nada.

Reaktionen bisher, nachdem sich die halbe rechte Szene an unserem Tweet abgearbeitet hat: Null. Kein Tweet, keine Email, kein substanzielles Interesse an unserem Angebot. Auf kein einziges Gesprächs- oder Interaktionsangebot wurde bisher reagiert. Es geht ums Vorführen, Framen und ums Ersticken von allem, was nicht direkt ins eigene Weltbild passt.

Aber das ist nur die Geschichte dieses einen Tweets. Das ist nicht die Geschichte des jungen Projekts, das wir gerne voran treiben wollen: Denn Hateaid sucht immer noch einige wenige Menschen, die ernsthaft persönlich im Netz politisch angegriffen wurden und die diese Erfahrung für ein juristisches Pilotprojekt einbringen wollen. Kontaktiert dazu hateaid direkt auf twitter oder schreibt uns eine Mail. Und nach diesen ersten bitteren Erfahrungen noch ein Kommentar. Nein: Zyniker, die systematisch selbst Hetze verbreiten, möchten wir in dieser ersten Welle nicht gerne vertreten. Da gibt es Menschen, die einfach mehr Support brauchen.

P.S. Wer unseren Hateaid-Guide noch nicht kennt. Hier ist er: hateaid.me. Gerne teilen.

Foto: Hate Background, K-Screen Shots, Flickr, CC BY 2.0

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