Alleine unter Trollen: Warum der Social Media Rückzug von Robert Habeck ein schlechtes Zeichen ist.

Ein Kommentar von Gerald Hensel

Es war mal wieder einer dieser Aufreger. Einer dieser Aufreger, von denen es mittlerweile gefühlt fünf am Tag gibt und an deren Ende nicht viel bleibt außer dem Gefühl, dass das alles irgendwie nicht so gesund ist. Heute Morgen hat Grünen Chef Robert Habeck verkündet, dass er seine Accounts auf Twitter und Facebook löschen will. Der Ankündigung folgten heute Abend taten: Robert Habeck hat sich als politisches Individuum aus dem Social Web entfernt. Ein Politiker aus dem linken Zentrum der Gesellschaft hat sich entschieden, auf ein sehr wichtiges Tool zur politischen Willensbildung zu verzichten. Das ist ein alarmierendes Zeichen.

Unser täglich Shitstorm gib uns heute

Ausgangspunkt war ein – welch Überraschung! – Shitstorm, nachdem Habeck in einem Video eine Formulierung verwandte, die man ignorieren könnte oder eben auch nicht: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land„, sprach Habeck in einem Video der Thüringer Grünen ein, das mittlerweile gelöscht ist. „Wird“, so die Kritiker, spreche Thüringen die demokratische Tradition ab, die das Land zweifelsohne hat.

Das könnte man so stehen lassen. Es ist nämlich nicht schwer zu verstehen, dass der Satz eine Polemik ist, die aus der Perspektive eines wahlkämpfenden Grünen durchaus Sinn macht und die diesen twitter-typischen Nachtritt dennoch mitschwingen lässt. Unter all den Dingen, die heute auf twitter geäußert wurden, war dies sicherlich eine der harmloseren Unfreundlichkeiten. Aber das wäre ja zu einfach. Dazu ist Robert Habeck einfach ein zu attraktives Ziel.

Nach einem veritablen Shitstorm mit Pressebegleitung löschten die Thüringer Grünen das Video mit dem Vermerk, „Wir haben Robert Habecks Aufruf vom Netz genommen, weil viele ihn falsch verstanden haben.“ Vorausgegangen waren ein paar Twitter-Spitzen von Politiker-Kollegen, die Habeck völlig legitim für die Wortwahl kritisierten. Und es hagelte darüber hinaus natürlich die übliche hysterische Portion Hass, für die Twitter heute typisch ist und über die man kaum noch reden muss, weil sie dazu gehört im Jahr 2019.

Stein des Anstoßes war vor allem die Tatsache, dass Habeck schon in Bayern für einen ähnlichen Tweet Feuer bekam, der sich wie folgt las:

Der letzte Shitstorm aus dem Bayern-Wahlkampf

Heute dann also Habecks Ausstieg aus den sozialen Medien, den der Grünen Chef auf seinem Blog erläuterte:

Nach einer schlaflosen Nacht komme ich zu dem Ergebnis, dass Twitter auf mich abfärbt. Dass ich mich bei beiden Videos, auch dem Bayrischen –unbewusst auf die polemische Art von Twitter eingestellt habe. Twitter ist, wie kein anderes digitales Medium so aggressiv und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze. Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein – und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen. Offenbar bin ich nicht immun dagegen.

Robert Habeck, Bye bye twitter und Facebook

Setzt Robert Habeck seinen Plan um, verliert er seine knapp 48.000 Follower auf twitter und seine knapp 46.000 Likes auf Facebook. Schon ein gewisses Pfund an Reichweite für einen Politiker.

„Twitter ist eine schnelle Maschine“

Das Konzept Shit/Hatestorm scheint dieser Tage langsam außer Rand und Band. Und Twitter spielt hier eine zentrale Rolle. Alleine in den wenigen Tagen seit Neujahr mussten wir beobachten wie die Journalistin Nicole Diekmann aufgrund eines klar erkennbar ironischen Tweets zur Zielscheibe rechter Trolle wurde. Eine Woche vorher wurde noch ein ZDF Kameramann durchs Netz gehetzt, der ein Shirt der linken Punkband Slime im Studio anhatte. Die Hysterie wird zum Normalzustand.

Twitter ist eine schnelle Maschine, die fast nach Missverständnissen und Fehldeutungen schreit – bewusst falsche Auslegungen sind der Treibstoff des Ganzen„, schreibt Bernhard Pörksen in seinem sehr lesenswerten Buch „Die große Gereiztheit.“ Und genau das beobachten wir dieser Tage. Denn kein Medium hat sich in eine so toxische Umgebung verwandelt wie twitter. Es scheint die Unmittelbarkeit aus voller Transparenz, Echtzeit-Logik und informationellen Meinungstresoren (mspro) zu sein, die twitter noch giftiger macht als die meisten anderen Tools. Und dies auch zu einem Tool für die macht, die für sich selbst die Politische Korrektheit auf den „Müllhaufen der Geschichte“ werfen wollen – nicht aber für ihre politischen Gegner. Bei Leuten wie Robert Habeck legt speziell der wütende Wutbürger jedes Wort auf die Goldwaage. Da gelten andere Regeln.

Robert Habecks Formulierung war ohne Zweifel wenig geeignet, um ohne Widerspruch zu funktionieren. Man mag ihm direkt glauben, wenn er sich selbst von dem Medium unter Druck gesetzt fühlt, krasser zuzuspitzen als er das für richtig hielte in der normalen Welt. Aus persönlicher Sicht ist seine Entscheidung durchaus zu verstehen. Denn speziell Twitter ist nichts für besonders feinfühlige Zeitgenossen. Kein Wort, das nicht auf die Goldwaage gelegt oder einem im Munde umgedreht werden kann, kein Tweet, der nicht zur einer plötzlich auftretenden PR-Krise werden kann. Das fordert. Persönlich wie professionell.

Die Habecks gehen, die Trolle bleiben

Political Correctness verachten ausgerechnet die so sehr, die meist federführend den Angriff auf twitter reiten. Hier kommen wir auch zu Habecks Hauptproblem, das zwischen seinen Zeilen durchschimmert: Habeck bricht mit Twitter, weil er nicht mehr daran glaubt, dass er überhaupt als kommunizierende Entität auf twitter funktionieren kann. Wenn Habeck sich selbst attestiert, dass er nicht immun gegen die Polemik auf twitter ist, zeigt das Selbstreflexion und Erwachsenheit im Umgang mit diesem Medium. Es ist aber auch ernüchternd. Denn wer die aktuellen Presse-Headlines liest, bekommt, das Gefühl, dass Robert Habecks misslungener Sprechtext ein besonders haarsträubendes Beispiel fehlgeschlagener Social Media Kommunikation ist.

In einer Zeit, in der selbst die Online-Medien führender „Leitmedien“ zunehmend Twitter als fast ausschließliche Nachrichten-Grundlage für praktisch jedes Thema verstehen, ist der Shitstorm so etwas wie das weiße T-Shirt von H&M: ein Basic. Es ist ein wohlfeiler Dauerzustand, der in sich noch nicht mal mehr etwas Besonderes ist. Es ist die Dauererregung, die gebraucht wird, damit sich Gazetten und Online-Medien füllen. Etwas, das zum Alltag mittlerweile dazu gehört, weil traditioneller Journalismus einfach zu teuer zu werden scheint. Dass ausgerechnet Medien, die noch vor drei Wochen mit herunterhängenden Schultern sich dem Fall Relotius stellen mussten, jetzt von Blamage wegen eines spitzen Videos schreiben, ist dabei kaum noch zynisch zu nennen.

Headlines zu Habecks Wahlkampf Video

Robert Habeck hat einen Fehler gemacht. Aber: Welcher Politiker/Journalist/Promi kennt das überspitzte Formulieren auf twitter nicht? Wie man damit umgeht und wie mit einem umgegangen wird, variiert von Fall zu Fall (Stichwort: Steak mit Blattgold). Schwierig wird es nur, wenn man, wie Robert Habeck, wirklich zu den „Good Guys“ gehören will. Dann wird es kompliziert.

Habeck zeigt sich berührt von seinen eigenen Fehlern in sozialen Medien. Er nennt sie Fehler und setzt sie in ein Verhältnis zu seinen Wertmaßstäben. Er kündigt Konsequenzen daraus an und will anders kommunizieren.

Das ist in der Tat ein sehr untypisches Verhalten in einer Zeit, in der viele Politiker wiederholt und systematisch mit Lügen im Internet arbeiten um den politischen Gegner zu diskreditieren – von Halbwahrheiten gar nicht zu sprechen. Wenn Robert Habeck aus seinem überspitzten Formulieren jetzt den Schluss zieht, dass er sich aus sozialen Medien zurückziehen will, ist ihm das persönlich und als Mensch hoch anzurechnen. Es ist aber auch ein Beispiel dafür, wie sehr sich Twitter derer entledigt, die noch einen Funken Anstand im Leib tragen. Wenn es für Politiker mit Wertmaßstäben an ihr Handeln und für sich selbst nicht gelingt, auf Twitter sinnvoll zu kommunizieren, wer soll es dann noch können? Wenn die, die über ihr Handeln nachdenken und sich an eigenen Maßstäben messen, nun zurückziehen, bleiben die zurück, die das nicht tun.

Scheinbar wird es auch 2019 aus medientheoretischer Perspektive nicht langweiliger. Dass Robert Habeck sozialen Medien nun den Rücken kehrt, ist ein weiteres ganz schlechtes Zeichen für unsere offene Mediendemokratie. Es müsste so nicht sein. So blöd sich der eigene Fehler für den Grünen-Chef derzeit anfühlt, so sehr könnte er eben auch zum Ausgangspunkt eines besseren Umgangs mit Twitter werden. So sehr könnten sich die dauerhysterischen Wutbürger übrigens auch selbst eingestehen, dass es eben die Logik von Twitter ist, dass die Geschwindigkeit des Mediums Fehler, Undurchdachtes und auch Wut transparent werden lässt. Dummerweise profitieren davon nur die, die Political Correctness demonstrativ verachten. Gegen die, die darauf grundsätzlich als Typen wert legen, wird Twitter schnell zur Waffe.

I am starting with the man in the mirror„, sang Michael Jackson. Wo sonst könnte man diesen Song zitieren, wenn nicht im Umgang mit twitter. Robert Habeck ist weder der erste, noch der letzte Politiker auf twitter, der sich durch einen Mix aus Fehlern, blöden Formulierungen, der Geschwindigkeit des Mediums und dem eigenen Stress an die Wand stellen lassen muss. Wenn er jetzt geht, beraubt er sich selbst dauerhaft eines Kommunikationstools. Eines Kommunikationstools, dessen Nichtverfügbarkeit ihn künftig schwächen wird, obwohl sich schon in drei Tagen niemand mehr an den Grund dafür erinnern kann. Bis dahin sind nämlich schon längst drei neue Aufreger durchs Netz getrieben worden. Mit jedem Habeck, der geht, triumphieren die, die an ihr eigenes Handeln schon immer andere Maßstäbe angelegt haben als an andere. Nämlich die, die einfach morgen weiterziehen, um den nächsten Fehler zu finden, obwohl man so sehr vor der eigenen Tür zu kehren hätte. Wertmaßstäbe stören da meist ohnehin nicht so sehr.

Foto: Grüne

Leave Comment