Organisierter Massenhass: Die AfD macht jetzt Hausbesuche bei missliebigen Satirikern.

Und plötzlich stehen sie vor deiner Tür” – so lautet die Überschrift eines Artikels, den das Satire-Team Schlecky Silberstein gestern Abend auf ihren Blog gestellt hat.

Im Kern geht es um die Aufnahme eine Satire-Videos, das Schlecky Silberstein am 7. September in Reaktion auf die Gewalt in Chemnitz in Berlin Lichtenberg gedreht hat. Die Bewohner waren informiert, es war offensichtlich, dass es sich um den Dreh eines Satire Videos geht – und dennoch baute die AfD Bund und Berlin über Tage hinweg an der Mär eines “Fake-Video”-Drehs. In Reaktion auf diese Mär statteten AfD Vertreter dem Team um Schlecky Silberstein Hausbesuche mit der Kamera ab und veröffentlichten Adressen im Netz – eine durchaus ziemlich gefährliche Aktion in aufgeheizten Zeiten wie diesen.

Natürlich muss man sich über diese nächste Grenze politischer Übergriffigkeit gegen einzelne empören. Natürlich muss man sich empören, wenn Vertreter einer “Partei” den digitalen und vielleicht auch echten Mob gegen Familien richten und dabei fahrlässig Leib und Leben dieser Personen gefährden. Tatsächlich zeigt aber auch der Fall Schlecky Silberstein, dass die, die da vor der Tür von Satirikern warten, schon längst in ihrem eigenen Narrativ abgetaucht sind. Es gibt nichts mehr zu überzeugen. Es geht auch nicht um Filterblasen. Die, die so handeln, leben längst in einer alternativen Realität, in der Argumente, Gesetze und Ethik längst nicht mehr zählen.

Zitat aus dem Artikel:

Hansel “besuchte” uns, als wir uns schon längst als Auftraggeber des Satire-Drehs zu Erkennen gegeben hatten. Und dennoch stellte er sich taktisch blöd. Man kann auch sagen: Er hielt an der perfiden Lüge fest. Denn in den Kommentaren zu den Videos erkennen wir, dass es die Story schon längst in den Alternative-Fakten-Kanon der rechten Filterblase geschafft hat. Schon immer wollte man beweisen, dass Videos wie Hetzjagden in Chemnitz von Linken und Systemmedien inszeniert werden. 

Schon heute ist die Geschichte, die gestern noch als Fake-News-Dreh der Systemmedien von der AfD aufgebaut wurde, vergessen – zumindest bei den Verursachern. Es ging eben um kein Missverständnis, keinen Zufall oder keine andere Sichtweise darauf, was an diesem 7. September in Berlin geschehen ist. Es geht ums Einschüchtern von Menschen und das Bedienen von Mob-Mentalitäten in der eigenen Klientel. In Echtzeit wird das Narrativ des Staatsdrehs aufgebaut, in Echtzeit werden Familien bedrängt, in Echtzeit wird gedroht, antisemtisch, sogar mit dem Leben.

Mit dem Erleben dieses Typ Massenhasses müssen Menschen tagtäglich heute fertig werden – und dabei reden wir nicht nur über “freche” Medienmenschen aus Berlin. Wenn sich das Brennglas eines virtuellen Mobs in Echtzeit auf Menschen und ihre Familien richtet, die eine Partei in Echtzeit für unbotmäßige Inhalte strafen will, leben wir in hochgefährlichen Zeiten. Speziell deshalb weil der Kampf natürlich immer ungleich verläuft und der Angegriffene nie weiß, ob und wann sich der virtuelle Mob in einen analogen Mob verwandelt. Das Erleben dieser Zeit der Unsicherheit muss jeder Angegriffene alleine mit sich ausmachen. Viel Hilfe kann er und sein Umfeld nicht erwarten, wenn man morgens das Postfach aufmacht und man von vielen wütender Hassbotschaften begrüßt wird. Wenn selbst gut vernetzte Social Media Promis wie Schlecky Silberstein Tage brauchen, um eine solide Reaktion auf den Echtzeit-Einbruch einer Partei in ihren unmittelbaren Sicherheitsbereich zu formulieren, kann man sich vorstellen wie einschüchternd diese Social Media Übergriffigkeit auf Otto Normalverbraucher wirkt.

Dieses Handeln ist unmittelbar demokratiegefährdend. Es soll Menschen aus Angst um ihr Umfeld zum Schweigen bringen. Und so traurig es ist: Das tut es immer mehr. In Echtzeit produzierter Massenhass gefährdet unsere Meinungsfreiheit. Die, die ihre eigene Meinung immer als hohe Gut sehen, dringen in Masse in den Sicherheitskorridor von Familien und Individuen ein, um sie zum Schweigen zu bringen. Da steht Deutschland im Jahr 2018.

Hier zum Artikel: http://www.schleckysilberstein.com/2018/09/ein-hauch-von-33-und-plotzlich-stehen-sie-vor-deiner-tur/

Photo by Moshood Adekunle on Unsplash

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