Die Lüge von Schorndorf. Wie aus einem Volksfest eine Fake-News-Kampagne wurde.

Wir erinnern uns: Es ist noch gar nicht so wahnsinnig lange her, dass Trumps Beraterin Kellyanne Conway zuerst Entsetzen und dann Gelächter provozierte, als sie das Bowling Green Massacre erfand. Angeblich seien zwei irakische Asylbewerber, denen nicht schnell genug das Handwerk gelegt worden sei, Verursacher im bis dahin relativ unbekannten Ort Bowling Green.

Tatsächlich wurden zwar 2011 zwei Iraker in Bowling Green festgenommen, die versucht hatten, Al-Kaida im Irak logistisch zu unterstützen. Dennoch gab es keinen geplanten Anschlag in dem Ort und es gab auch keine Terrorattacke. Conways Vorstoß gilt bis heute als ein „Klassiker“ der Fake-News.

Zugegeben: manchmal ist man sich ja bei diesen Stories nicht ganz hunderprozentig sicher, wie viel davon einfach schlecht recherchiert ist, wie viel böswillige Verdrehungen und Übersetzungfehler dabei sind und wie viel davon echt orchestrierte Fake-News sind. Sicher ist auch: Fake-News machen dem Menschen, der sie streut, weniger Spaß, je wahrscheinlicher sie als Fake-News enttarnt werden.

Schorndorf, Marktplatz (Foto: M. Anette Jura, CC BY-ND 2.0)

Umso interessanter, wenn man sich nochmal die Frage stellt, wie es zu dem irrsinnigen Gerücht rund um die „Schorndorfer Woche“ kam und wer davon zu profitieren versuchte. Hintergrund: Schorndorf liegt im Stuttgarter Speckgürtel, eine Kleinstadt, die sich Daimlerstadt nennt, und letzte Woche mit unerhörten Übergriffen gegen Polizei und Anwohner durch alle AfD-nahen Medien getrieben wurde. Was war passiert?

Wie SPIEGEL Online schreibt startete es so:

„Am Sonntag um 16.24 Uhr veröffentlichte die Polizei Aalen eine Pressemitteilung zu mehreren Vorfällen an mehreren Tagen auf der „SchoWo“. „Im Schlosspark versammelten sich in der Nacht zum Sonntag, zwischen 20 Uhr und drei Uhr ungefähr bis zu 1.000 Jugendliche und Junge Erwachsene. Bei einem großen Teil handelte es sich wohl um Personen mit Migrationshintergrund. Hierbei kam es zu zahlreichen Flaschenwürfen gegen andere Festteilnehmer, Einsatzkräfte und die Fassade vom Schorndorfer Schloss“, hieß es in der Mitteilung.“

Wenige Tage später las sich die Geschichte schon völlig anders. Die Abendzeitung berichtete:

„Bürgermeister Klopfer sagt, dass die rund 1.000 Feiernden auf der Wiese vor dem Schloss „größtenteils Realschüler und Abiturienten“ waren und diese Feierei zum Schuljahresende Tradition habe. Auch die 16-jährige Maike, die vor Ort war, bestätigt gegenüber Vice: „Ich habe in der Dunkelheit auch nicht jeden erkannt, aber der größte Teil waren Leute von 14 bis 20, die auf meine Schule oder andere Schulen hier gehen.“ Auch ihre Freundin Vera bestätigt, dass „sehr viele Schüler“ da gewesen seien – „die meisten kannte ich aus der Schule“.

Wie die Polizei darauf kommt, dass der größte Teil der Personen Migrationshintergrund habe, ist unklar. Doch auch deren Sprecher will die ursprüngliche Pressemitteilung so nicht mehr unterschreiben. Ihm ist nun die Formulierung lieber, dass lediglich „einfach ein Teil, so kann man das vielleicht sagen“ der Feiernden einen Migrationshintergrund habe.

Und am Mittwochabend dann Klarheit und Bestätigung: Die Polizei korrigierte ihre ursprünglichen Angaben zu den Vorfällen auf dem Schorndorfer Volksfest komplett.

Demnach stand in der Nacht zu Sonntag eine Gruppe von etwa 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Polizei feindselig gegenüber, nicht 1.000 Menschen. Aus dieser Gruppe von 100 Menschen mit „einem hohen Gewaltpotenzial“ habe es „massive Flaschenwürfe“ auf die Beamten gegeben.“

SPIEGEL Online konkretisierte nochmal:

Der derzeitige Ermittlungsstand: In der Nacht zu Sonntag stand eine Gruppe von etwa hundert Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Polizei feindselig gegenüber. Zuvor waren zwei Gruppen aneinandergeraten. Ausgangspunkt war offenbar ein Flaschenwurf eines 16-jährigen Deutschen auf einen 19-jährige Syrer. Im Zuge der Festnahme eines 20-jährigen Deutschen hätten sich beide Gruppen gegen die Polizei solidarisiert und diese mit Flaschen beworfen. Insgesamt seien während des Stadtfestes 53 Straftaten zur Anzeige gebracht worden, 28 davon hätten sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag ereignet, teilte die Polizei mit.

Zudem seien neun Sexualdelikte angezeigt worden. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelten in zwei Fällen gegen bekannte Tatverdächtige, dabei handele es sich um Flüchtlinge; in vier Fällen werde gegen unbekannt ermittelt. In drei Fällen habe sich der Anfangsverdacht nicht erhärtet.

Eines vorweg: Jeder Übergriff ist einer zu viel und muss hart geahndet werden. Dass aber an diesem Abend nicht nur in Schorndorf, sondern vor allem in Sachen polizeilicher Kommunikationsarbeit einiges aus den Fugen geriet, wurde relativ schnell klar. Und was daraus gemacht wurde? Fast das gleiche wie nach dem Frankfurter Ausländer-Neujahrssexmob, der auch nicht existierte: das Gerücht wurde genährt so lange es heiß war. Korrigiert wurde es natürlich nie mehr. Von fast keinem der vielen Beteiligten, die sich sonst so gut dabei gefallen über Anstand zu reden…

Klar: das zynische Kalkül ist simpel: Schorndorf = Köln. Auch wenn es absolut nicht stimmt.

Aber so ist das, wenn das ganze schöne rechtspopulistische Experiment gerade mit Pauken und Trompeten den Bach runtergeht. Da müssen halt Themen her. Und was nicht passend ist, wird passend gemacht. Verlassen können sich die üblichen Verdächtigen dabei sowieso nur darauf, dass sich von ihrer Zielgruppe sowieso auch am Tag danach niemand mehr an die Urlüge erinnern will. Durch mehrtägiges, konzertiertes Social Media Dauerfeuer wird eine Realität hergestellt, die mehrere Tage gilt und die man dann – wenn sie bröckelt – flugs wieder verlässt und nicht mehr touchiert. Die zweite neurechte Realität zu Schorndorf entspinnt sich übrigens auch derzeit in verschiedenen rechten Medien: Die Korrektur der Ereignisse wird als Zensur dargestellt. Klar.

Schorndorf. Das deutsche Bowling Green.

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Foto: M. Anette Jura, Schorndorf – Rathaus und Künkelin- Hausfront re., Flickr, CC BY-ND 2.0