Erste Langzeitstudie: Lügen sind Viral-Hits auf Twitter

Es klingt nicht besonders überraschend. Aber unwahre Nachrichten verbreiten sich auf Twitter schneller als wahre Nachrichten. Die Ergebnisse einer Studie, die unter dem Titel “The spread of true and false news online“, diese Woche im Magazin Science publiziert wurde, ist ein Erstlingsstück. Und sie bildet damit wissenschaftlich gesehen einen enorm wichtigen Beitrag zu dem, was wir alle schon ahnten.

Es mag einen Unterschied machen, ob man die Vermutung hat, dass Rauchen schädlich ist oder ob man es beweisen kann. Denn nachdem die Schädlichkeit von Zigaretten bewiesen war, hatte dies Folgen für die Industrie – und zwar monetäre Folgen. Die Industrie sieht sich bisher nämlich fast ausschließlich als Opfer einer bösmeinenden Öffentlichkeit, die einfach zu wenig das Positive an Twitter, Facebook & Co sehen kann. Zugegeben: Das jahrelange Aussitzen jeder Form von Verantwortung zerrt sicher durchaus an den Nerven der Damen und Herren, die sich langsam mit den Auswirkungen ungebremsten technologischen Wandels beschäftigen müssen.

Und beschäftigen muss man sich. Und zwar schnell. Denn auf der einen Seite zerrt ein digital unverständiger Gesetzgeber mit Absonderlichkeiten wie dem NetzDG an einem herum. Auf der anderen Seite setzt man sich als Social Network bei denen, der politisches Business Modell gerade mit Hass und Desinformation blüht, ständig dem Vorwurf der Parteinahme aus. Gerade bei einem so komplizierten Thema wie Fake News (da, wir haben es wieder gesagt), ist es ja langsam Mode geworden alles zu relativieren. In Zeiten der alternativen Fakten ist es ja nur Ansichtssache, ob die Erde eine Scheibe ist oder alle Flüchtlinge Terroristen. Und da es sich ja mit Meinungen so verhält, dass man sie natürlich im Rahmen der Meinungsfreiheit und des Grundgesetzes tolerieren muss, ist doch alles klar. Oder?

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Nicht ganz. Zumindest, wenn man glaubt, dass es noch einen Unterschied zwischen wahr und falsch gibt. Wenn man diese Petitesse noch an sich heranlässt, muss man eben langsam auch empirisch konstatieren, dass Lügen Viral-Hits sind, während Wahrheiten es nicht sind. Gute Lügen verbreiten sich schneller sind spannender und teilbarer. Es ist ein Wettkampf zwischen Hase und Igel (nur, dass der Hase gewinnt). Es ist die Alternative zwischen einem ersten Date und einem Kaffeekranz bei Oma. Das eine läuft, das andere läuft nicht in Zeiten von Social Networks.

Die Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) legen mit ihrer Studie erstmals wirklich eine valide Langzeitstudie zum Erfolg unterschiedlicher Typen Wahrheit auf Twitter vor. Von 2006 bis 2017 untersuchten sie Millionen von Tweets. Im Fokus dabei: 126.000 Geschichten, die von etwa drei Millionen Menschen mehr als 4,5 Millionen mal auf twitter geteilt wurden. Um die knifflige Sache mit der Wahrheit besser einzuschätzen, haben die Forscher die Geschichten insgesamt sechs verschiedenen unabhängigen Fact Checking Organisationen vorgelegt, um diese zu klassifizieren.

Das Ergebnis:

Falsehood diffused significantly farther, faster, deeper, and more broadly than the truth in all categories of information, and the effects were more pronounced for false political news than for false news about terrorism, natural disasters, science, urban legends, or financial information. We found that false news was more novel than true news, which suggests that people were more likely to share novel information. Whereas false stories inspired fear, disgust, and surprise in replies, true stories inspired anticipation, sadness, joy, and trust. Contrary to conventional wisdom, robots accelerated the spread of true and false news at the same rate, implying that false news spreads more than the truth because humans, not robots, are more likely to spread it.

Dieses Ergebnis scheint intuitiv richtig. Es beinhaltet nach wie vor aber einige zentrale Erkenntnisse, die für den weiteren Umgang mit politischer Desinformation und Hass im Netz wesentlich ist.

  • Lügen sind deutlich interessanter als Wahrheiten. Sie verbreiten sich schneller und sind von “Wahrheiten” in diesem Wettlauf nicht mehr einholbar.
  • Lügen, Gerüchte und Desinformation gab es schon immer. Mit sozialen Medien können sich diese Konzepte nur in einer Art und Weise fortbewegen, die wir bisher nicht gekannt haben. Das ist eine absolut neue Qualität.
  • Es braucht keine Bots, um Lügen in Bewegung zu versetzen. Menschen machen das schon sehr gerne selber.

Wir wissen immer noch zu wenig über den Effekt sozialer Medien auf unser Weltwissen, auf unsere Kommunikation und den Effekt für die Gesellschaft. Wir brauchen mehr solcher Studien. Wesentliche Erkenntnis dessen, was wir schon vorliegen haben, ist aber, dass wir uns gesellschaftlich in einem prototypischen Testfeld befinden, in dem soziale Medien zu idealen Transportmitteln für Lügen und Gerüchte werden. Und zwar in einem Maße, dass mit Blick auf Reichweite und Geschwindigkeit bisher keine Möglichkeit besteht, diesen Prozess zu normalisieren. Ob man selbst ein Twitter-Account hat, ist dabei egal. Denn der von Kellyanne Conway geprägte Begriff der “Alternativen Fakten” wird durch diesen langsam auch empirisch nachweisbaren Prozess Realität.

Wir sind eben doch Teil eines großen Freilandexperimentes, in dem eine Gegenrealität der Kollateralschaden des technischen Fortschritts ist. Der Ball liegt bei den Social Networks diesen Prozess zu sehen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Wie war das noch bei der Zigarettenindustrie?

 

Fearless Democracy e.V. arbeitet seit 2017 gegen Hass im Netz und bekämpft politische Desinformation in Zusammenarbeit mit Politik und Journalismus. Dieses Jahr launchen wir unsere Plattform HateAid, bei denen wir Menschen helfen wollen, die Massengewalt im Internet ausgesetzt sind. Es wäre toll, wenn Sie uns dabei unterstützen würden. Steuerlich begünstigt sind wir natürlich. Eine Spendenquittung erhalten Sie über unseren Kooperationspartner betterplace.org unten. Vielen Dank!

Photo by Austin Chan on Unsplash

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