Von Journalisten, Zahlen und Russen-Bots

Fake Russian Facebook Accounts Bought $100,000 In Political Ads„, titelte die New York Times Anfang September. $100.000 seien aus ominösen russischen Quellen gezahlt worden, um Inhalte zu bewerben, die irgendwie im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf für Unruhe sorgen sollten. Was das genau bedeutet, weiß man nicht. Und wie „Fake Russian Facebook Accounts“ politische Ads kaufen können, ist ebenso unklar wie die Frage, wer dahinter steht. Nur eines ist sicher: Viel Geld ist das nicht.

Wer sich ein wenig mit Werbung auskennt, kann in Deutschland grob an der Faustformel entlang hangeln, dass 10 Mio € Werbespendings grob für Kampagnen-Sichtbarkeit sorgen. Sprich: Wer in Deutschland für ein Waschmittel 10 Mio € ausgibt, kann relativ sicher sein, dass man ihn sieht. Nicht sehr oft, nicht sehr intensiv. Aber dieser Betrag sorgt etwa dafür, dass sich eure Eltern oder Tante Trude an eine Marke erinnern können: 10 Mio in Deutschland. Was können also 100.000$ wohl in einem Land der Größe der USA ausrichten, selbst wenn man soziale Ads als anders wirkende Werbeform anerkennt?

Was bei der hysterischen Debatte um den angeblichen russischen Einfluss auf die US-Wahlen vergessen wird, ist, dass gar nicht klar ist, wer der Urheber einer solchen Debatte ist. Schon alleine die schiere Anzahl und die Größenordnung von aufgedeckten Fällen, lässt einige Fragezeichen offen. Denn selbst wenn der geneigte politische Beobachter der Meinung wäre, dass es Manipulation aus Russland gegeben hat, sei durchaus die Frage erlaubt, ob wir dabei über staatlich finanzierte/organisierte Aktivitäten reden (Putin, der Geheimdienst) oder über ein privates Geschäftsmodell.

via GIPHY

So twittern große deutsche Medien heute die Sensationsnews raus, dass Twitter etwa 200 Profile gesperrt haben könnte, die zur Manipulation des Wahlkampfs genutzt worden seien.

Preisfrage: Sind 200 Profile viel oder wenig? Ist das die „Smoking Gun“? Wer steht dahinter?

Am 14. September haben wir mit ein klein wenig Daten-Journalismus im Rücken ein ähnliches Netzwerk in Deutschland entdeckt. Dieses blies durch einen Mix automatisierter und nichtautomatisierter Accounts organisiert zum Sturm auf Twitter-Content im Vorfeld der Bundestagswahl. Dabei konnten wir mehr als dreimal so viele Accounts offenlegen, von denen 80% russische Spracheinstellungen hatten.

Dass es sich hierbei kaum um einen gezielten Angriff des russischen Staates sondern eher um ein Freizeitprojekt der deutschen rechten Blase mit russischen Trollnetzwerken handelte, wurde speziell dann offenbar als wenig später Buzzfeed nochmal genauer nachfragte: Denn 15.000 Tweets bekommt man in russischen Trollfabriken für ganze 1.090€. Dafür müssen ein paar hundert Bots ganz schön viel für twittern. Preise für Bots gehen sogar so tief runter, dass man sie für wenige hundert Dollar einkaufen kann.

Warum ist das wichtig: Journalisten und die politische Öffentlichkeit müssen verstehen, dass Bots schon längst Teil der politischen Meinungsbildung im Netz sind. Man kann sie vor allem in Osteuropa kaufen. Das Wort „Russische Bots“ bedeutet per se nicht, dass Putin persönlich den Befehl zum Angriff gegeben hat, noch deuten Größenordnungen und involvierte Budgets darauf hin. Dass die Presse aber nun jedes Stöckchen dankbar aufnimmt, in dem das Wort „Bot“ und „Russland“ auftaucht kennen wir ja im Bundestagswahlkampf schon aus einem anderen Kontext. Es ist Teil einer überhitzten Debatte, die vor allem etwas mit fehlenden Skalenwerten zu tun hat. Denn wenn man nicht weiß, dass weder 200 automatisierte Accounts noch 100.000$ viel Masse sind, fällt es leicht, den russischen Geheimdienst als Angstgebilde hinter allem zu sehen.

Wahrscheinlich ist es viel simpler: der Versuch privater rechter Kreise mit wenig Aufwand aus der Portokasse mit zukaufbaren technischen Dienstleistungen aus Russland Meinung zu beeinflussen. Das bedeutet nicht, dass es hier nicht noch eine größere Beeinflussung gegeben haben kann. Wichtig wäre jedoch vor allem eines: Sich einzugestehen, dass 200 stillgelegte Twitter-Accounts eigentlich keine Meldung auf tagesschau.de und Zeit.de wert sein müssten. Sie sind Spam. Die einzige Nachricht, die wirklich relevant gewesen wäre, wäre die, dass Twitter schon längst gegen diesen Content-Müll etwas hätte tun können, es aber nicht getan hat.

Fearless Democracy unterstützen
Sie mögen unsere Arbeit? Wir freuen uns sehr über Ihre Unterstützung, wenn Sie uns dabei helfen mögen. Um ganz ehrlich zu sein: Am meisten würden uns Daueraufträge weiterhelfen. Und zwar an folgende Adresse:

Fearless Democracy, Volksbank Hamburg
IBAN: DE73 2019 0003 0012 2977 04
BIC: GENODEF1HH2


Alternativ können Sie uns auch direkt über Paypal unterstützen:.

Foto: Robot, Logan Ingalls, CC BY 2.0

Leave Comment